Abschied von Gunnar Polzin: Der streitbare Verkehrsplaner geht

Gunnar Polzin Archivfoto: nh

Kassel. Schwarzes Hemd, bunte Fliege, Hornbrille: Mit Gunnar Polzin hat vor vier Jahren ein Mann auf dem Chefsessel im Amt für Straßenverkehr und Tiefbau Platz genommen, der seinen eigenen Stil pflegt. Das bewies der Verkehrsingenieur, der im Juli 2007 von Kiel nach Kassel kam, nicht nur mit seiner Kleidung.

Auch in der Verkehrspolitik zeigte der Zwei-Meter-Mann Flagge - und eckte mehr als einmal an. Geschadet hat es ihm nicht. Er macht Karriere: Polzin wechselt als Leiter der Verkehrsabteilung nach Bremen. Seine neue Aufgabe übernimmt er am 1. Juli.

In Kassel hat der passionierte Radfahrer polarisiert. Die einen lobten seine Verbindlichkeit, andere warfen ihm Arroganz vor. Ob beabsichtigt oder nicht, mit seinem Gardemaß hat der 42-Jährige Dominanz ausgestrahlt. Und es war zu spüren, dass er sich nicht ohne Weiteres unterordnet. Insider sprechen von Konflikten, die es mit mehr als einem Dezernenten gegeben haben soll. Er selbst will davon nichts wissen. Zu Beginn seiner Amtszeit erschreckte Polzin, der nach seinem Studium in Berlin drei Jahre im Büro Albert Speer und Partner und zuletzt in der Verkehrsabteilung des Kieler Tiefbauamtes gearbeitet hatte, zuweilen mit allzu forschem Auftreten und scharfen Tönen auf Klagen von Bürgern in öffentlichen Versammlungen.

Anders als sein Vorgänger, Autofreund Hubertus Döring, machte sich Polzin für den Radverkehr stark und läutete damit einen Paradigmenwechsel ein. Der gebürtige Berliner, der stets mit dem Rad von seiner Wohnung im Vorderen Westen zu seinen Diensträumen an der Friedrichsstraße fuhr, ließ in der Stadt massenweise Fahrradbügel installieren, gab große Teile der Fußgängerzone für den Radverkehr frei und ließ an Kassels Straßen Radstreifen aufmalen. Er machte sich für das umstrittene Fahrradverleihsystem stark, das in diesem Jahr kommen soll. Aber - und das erkennen selbst seine Kritiker an - er hatte nicht nur die Radler im Blick. Auch wenn es wegen der großen Defizite auf diesem Gebiet manchmal so wirkte. Vielleicht legte er auch nur ein zu hohes Tempo vor.

Manchmal schoss er auch übers Ziel hinaus und brachte damit selbst die Rathausspitze in Erklärungsnot, wie bei der Erhöhung der Brückengeländer, die hohe Wellen schlug. Ansonsten führte er das weiter, was Kassels Stadtverordnete zum Teil schon lange vor seinem Amtsantritt in Kassel beschlossen hatten - wie die Schließung der in die Jahre gekommenen Fußgängertunnel.

Haus gekauft

Eigentlich wollte Polzin mit seiner Ehefrau Katrin, einer Lehrerin, und den beiden Kindern in Kassel bleiben. Die Familie hat hier ein Haus gekauft. Den Umbau der Altmarktkreuzung, für den er gekämpft hat, wird er nun nicht mehr erleben. Dafür warten auf den streitbaren Verkehrsplaner neue Aufgaben.

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