Junge aus Kassel im geschlossenen Heim

Kassel: Wissenschaftler gegen geschlossene Unterbringung von Kindern

Kassel. Zehn Wissenschaftler der Universität Kassel haben sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Wiedereinführung einer geschlossenen Unterbringung in Hessen ausgesprochen. Seit dem 1. Oktober können in Hessen wieder Kinder zwischen zehn und 13 Jahren geschlossen untergebracht werden.

Es handelt sich um das katholische „Salesianer Don Boscos“ Hausin Sinntal-Sannerz, eine mit 3,50 Meter hohen Mauern umgebene Einrichtung im Main-Kinzig-Kreis. Ein zehnjähriger Junge aus Kassel befindet sich dort seit Anfang Oktober.

„Erziehung ist ohne Ermöglichung von Selbstbestimmung nicht möglich …“ lautet die Überschrift der Erklärung:

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„Mit Wiedereinführung einer geschlossenen Unterbringung im Rahmen der Hilfen zur Erziehung verabschiedet sich das Land Hessen endgültig von einer pädagogischen Reformtradition. Seit dem 1. Oktober dieses Jahres können in Hessen wieder Kinder zwischen 10 und 13 Jahren geschlossen untergebracht werden. Unterbringungsort ist das katholische „Salesianer Don Boscos“ Haus, eine mit 3,50 Meter hohen Mauern umgebene Einrichtung im Sinntal, Main-Kinzig-Kreis.

Die neue Einrichtung ist die erste ihrer Art in Hessen seit Ende der 1970er Jahre. Mit guten und klugen, heute noch aktuellen Argumenten wurde in den zurückliegenden gut dreißig Jahren in Hessen darauf verzichtet, Kinder und Jugendliche im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe in geschlossenen Heimen unterzubringen.

Nach wie vor gilt, dass eine geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen pädagogisch nicht zu rechtfertigen und zudem rechtlich höchst umstritten ist. Erziehung zur Mündigkeit und Demokratie ist unter dem stummen Zwang des Einsperrens nicht möglich. Wenn Kindern und Jugendlichen Hilfen zur Gestaltung eines gelungenen, erfolgreichen Lebens angeboten werden sollen, muss diese Hilfe als Ermöglichung von Partizipation und Erziehung zur Selbstbestimmung angelegt sein.

Soziale Arbeit mit Kindern, die in ihrem Leben schwer verletzt, ausgegrenzt und von einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung zur nächsten verwiesen wurden, stellt eine große Herausforderung dar. Den sozialpädagogischen Fachkräften, die sich täglich dieser Herausforderung stellen, gebührt der größte Respekt. Die Einrichtung geschlossener Erziehungsheime hilft aber nicht, die Arbeit dieser Fachkräfte zu unterstützen und anzuerkennen.

Kinder und Jugendliche einzusperren, verletzt und demütigt sie als Personen. Wenn sich dort eine positive Entwicklung einstellt, geschieht dies trotz, nicht wegen der Geschlossenheit. Das Einsperren offenbart die Hilflosigkeit im Umgang mit jungen Menschen. Sie nützt einzig einer naiven Politik, die darauf hofft, mit Härte soziale Probleme technisch zu lösen.

Auf der Strecke bleiben die Errungenschaften einer moderner Kinder- und Jugendhilfe und die gegebenen Möglichkeiten, Kindern und Jugendlichen aus riskanten Lebenssituationen Wege der positiven Gestaltung von Leben fernab der Selbst- und Fremdzerstörung zu eröffnen.

Seit zwei Wochen ist auch ein zehnjähriger Junge aus Kassel in einer sogenannten „Intensivpädagogischen Wohngruppe“ im Jugendhilfezentrum Don Bosco Sannerz bei Fulda untergebracht. Mit der Unterbringung des Kindes in die geschlossene Wohngruppe verabschiedet sich das Jugendamt Kassel von seinen eigenen Reformtraditionen. Nachdrücklich empfehlen wir dem Jugendamt Kassel wie auch allen anderen Jugendämtern Hessens, auf Einweisungen von Kindern in geschlossene Heimunterbringungen zu verzichten. Stattdessen ist weiterhin anderen, intensivbetreuerischen Formen der Hilfe und Erziehung zu vertrauen.“

Die Erklärung wurde von Wissenschaftlern des Fachbereichs Humanwissenschaften unterschrieben: Dr. Minou Banafsche, Dr. Pascal Bastian, Andreas Böhle, Dr. Frank Czerner, Prof. Dr. Friederike Heinzel, Cora Herrmann, Dr. Alexandra Retkowski, Holger Schoneville, Prof. Dr. Mark Schrödter und Prof. Dr. Werner Thole.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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