Trauerkultur verändert sich

Abschiednehmen auf dem Bildschirm: Trauerfeiern werden wegen Corona oft online übertragen

Blick auf den Sarg: Viktoria Kracheletz richtet die Kamera, die mit einem grünen Tuch bedeckt ist, aus. Die Trauerfeier wird später per Livestream für Angehörige übertragen, die nicht dabei sein können.
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Blick auf den Sarg: Viktoria Kracheletz richtet die Kamera, die mit einem grünen Tuch bedeckt ist, aus. Die Trauerfeier wird später per Livestream für Angehörige übertragen, die nicht dabei sein können.

Kontaktbeschränkungen in Zeiten der Pandemie verändern auch die Trauerkultur. In Kassel werden Bestattungen auch im Livestream übertragen.

Kassel – Wenige Menschen sammeln sich an diesem Morgen in der Trauerhalle auf dem Kasseler Westfriedhof. Viktoria Kracheletz positioniert die kleine Kamera, die mit einem grünen Tuch bedeckt ist, auf einem Stativ. Die Trauergäste nehmen das kaum wahr. Während der Andacht wird sie auf Sarg, Pfarrer oder Trauerredner gerichtet sein. Im Hintergrund prüft ihr Bruder Benedikt, ob Internet und Tonübertragung funktionieren.

„Wir drehen hier keinen Actionfilm“, erklärt Bestatter Dominik Kracheletz. Lediglich Freunde und Verwandte, die aufgrund der Beschränkungen durch das Coronavirus oder aus Angst vor Ansteckungsgefahr nicht dabei sein können, haben die Möglichkeit, die Trauerfeier in der Liveübertragung im Internet zu sehen. Danach ist der Internetlink nicht mehr verfügbar. Die Kunden bekommen aber vom Bestatter die Videodatei, sodass sie sich die Trauerfeier auch später noch einmal ansehen können.

Vor Corona war es so, dass der Freundes- und Bekanntenkreis, der oft über eine Anzeige in der Zeitung vom Tod eines Menschen erfahren hat, als Zeichen der Anteilnahme zur Beerdigung gekommen ist, beschreibt es der Bestatter. „Das ist seit Beginn der Pandemie nicht mehr so. Auch wir haben etwas gebraucht, um festzustellen, dass sich dieses Verhalten mit der Pandemie geändert hat“, sagt Dominik Kracheletz.

Im Frühjahr hat der Bestatter überlegt, ob man vielleicht einen Fernseher vor die Trauerhalle stellen könnte, um die Feier dort zu übertragen. Aber es kamen weiterhin nur die engsten Verwandten, auch wenn es zwischenzeitlich wieder möglich war, mit mehr Menschen zusammenzukommen. Besonders wer einen weiteren Anfahrtsweg hat, nahm das Risiko in Coronazeiten nicht auf sich. „Das ist auch vernünftig“, sagt Kracheletz. „Aber es nimmt eben einem auch die Möglichkeit, von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Was fehlt, ist die Situation, die im Gedächtnis bleibt und an die man sich zurückerinnern kann.“

Die Idee einer Liveübertragung entstand, weil einige Trauergäste selbst per Videoanruf Angehörige an der Beerdigung teilhaben ließen. „Wir haben erst Videoaufnahmen probiert und uns dann an den Livestream über die Videoplattform Youtube herangetastet“, sagt Kracheletz. Bei der Umsetzung wird er auch von seinen Kindern Viktoria und Benedikt unterstützt. Auch andere Bestattungsunternehmen in Kassel bieten mittlerweile eine Videoaufnahme an. Viele sagen aber auch, dass das technisch und personell in kleinen Betrieben kaum möglich ist.

Kann die Online-Trauerfeier denn den Besuch am Grab ersetzen? „Nein“, sagt Kracheletz. „Aber was von der Witwe vielleicht noch kritisch beäugt oder auch unpassend gefunden wird, ist für Kinder und Enkel fast schon normal“, sagt Kracheletz. Der Bestatter glaubt, dass digitale Veranstaltungen gerade im Trauerbereich in den kommenden Jahren zunehmen werden, weil Familien – anders als früher – nur noch selten an einem Ort leben.

„Es fühlt es sich an, als würde man einen Film schauen. Eben weniger emotional, als wenn man vor Ort ist“, beschreibt es Kracheletz. Viele rufen später die Angehörigen an, um ihr Beileid persönlich auszusprechen. „Es ist das Menschliche, was fehlt. Trösten kann man nicht digital.“ (Kathrin Meyer)

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