Kostenloser Aktionstag im ÖPNV

Nicht alle Kasseler wussten, dass sie umsonst Bahn fahren durften

Marcel Matschke ist mit Sohn Cosmo auf dem Friedrichsplatz an der Straßenbahn-Haltestelle.
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Hätte gern früher von der Aktion erfahren: Marcel Matschke mit Sohn Cosmo.

Am Samstag gab es in Kassel und der Region eine besondere Aktion: kostenlos fahren im gesamten NVV-Gebiet. Wir haben nachgefragt, wie die Aktion angekommen ist.

Kassel – In der Tramlinie 5 ist es wie immer. Die Straßenbahn Richtung Auestadion ist an diesem Samstagvormittag gut gefüllt, Fahrgäste tippen auf ihren Smartphones herum. Dann steigt ein junger Mann zu und marschiert schnurstracks auf den Ticket-Automaten zu, die Münzen bereits in der Hand. Kurz bevor er sie einwirft, sagt eine Frau, dass er heute nichts zahlen müsse.

Zunächst guckt der junge Mann ungläubig, andere Passagiere nicken aber zustimmend, also setzt er sich. Ob er hinter seinem Mund-Nasen-Schutz lächelt, lässt sich nur erahnen.

Vermutlich ergeht es mehreren Menschen in der Region ähnlich. Denn im Zuge der europäischen Mobilitätswoche haben der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV), die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) sowie Stadt und Landkreis Kassel einen Aktionstag ins Leben gerufen: kostenloser Nahverkehr im gesamten NVV-Gebiet. Gesponsert wird das Ganze von der Firma Hübner.

Exakte Zahlen ließen sich noch nicht erheben, sagt NVV-Sprecherin Sabine Herms. Mit Blick auf die gesamte Region gibt sie ein Zuwachs an Fahrgästen von 18 bis 20 Prozent an. „Das hat sich gelohnt. Die Leute haben das Angebot ausprobiert“, sagt Herms. Einen ähnlich erhöhten Zuspruch für das Stadtgebiet nennt auch Heidi Hamdad, Sprecherin der KVG. Sie gehe davon aus, dass das schöne Wetter dazu beigetragen hat, „dass die Menschen einfach mal durch die Gegend gefahren sind“.

Auf Elfriede und Reinhard Brede, die soeben am Königsplatz ausgestiegen sind, trifft diese Annahme zu. Das Ehepaar plant zwar nicht die ganz große Tour, will aber die Stadt und das neue Martini-Quartier an der Kölnischen Straße erkunden. Mit dem ÖPNV fahren sie eher selten, sagen die 73- und der 83-Jährige. Bevor sie in Oberzwehren eingestiegen sind, habe sich Reinhard Brede bei der Gattin erkundigt, ob die Fahrt wirklich umsonst sei. „Ganz sicher“, habe die Antwort von Elfriede gelautet.

Solch einen Wink hätte Marcel Matschke gebraucht. „Ach, das ist heute umsonst?“, fragt der 36-Jährige, als er darauf angesprochen wird, wie er den Aktionstag fände. Matschke hat seinen anderthalb Jahre alten Sohn Cosmo dabei. Die Bahn sei ideal, um mit „dem Knirps“ samt Buggy in die Innenstadt zu kommen. Früher habe er öfter die Bahn genutzt. Inzwischen seien sie umgezogen, und für den Weg zur Arbeit müsse er zweimal umsteigen. „Das ist mir zu kompliziert“, sagt Matschke. Er habe auf E-Scooter umgesattelt.

Ob er nun kostenlos zurückfahre? „Ich habe mir leider schon ein Multiticket gekauft.“ Für acht Euro, was „ganz schön happig ist“, wie er es ausdrückt. Ein bisschen ärgert sich der junge Papa, dass er von dem Angebot nichts mitbekommen hat.

In der Bahn von Ulf Berfelde gehen viele Passagiere auf Nummer sicher. Der Fahrer der Linie 5 berichtet von mehreren Gästen, die sich beim Einsteigen über den Aktionstag vergewissert hätten. Berfelde bezeichnet den bisherigen Betrieb als normal. Aber es sei ja gerade erst Mittag. Vermutlich werde es im Laufe des Tages noch voller in seiner Tram.

„Proppenvoll“ sei es in der Linie 4 gewesen, erzählen Helga Achenbach und Christa Vogt. An der Haltestelle Auestadion warten die 81-Jährigen auf einen Bus, sie wollen nach Melsungen. Gestartet sind sie vom Lindenberg im Kasseler Osten. Ohne das kostenlose Angebot hätten sie sich nicht auf den Weg gemacht. Sie können sich gut vorstellen, dass mithilfe des Aktionstages mehr Anreize geschaffen werden.

Beim Blick auf die Anzeige fällt den Freundinnen auf, dass der Bus nach Melsungen nicht mehr auftaucht. Dafür einer nach Bad Wildungen, der in fünf Minuten aufbricht. „Dann fahren wir halt da hin“, sagt Helga Achenbach. Kostet ja nichts. (Robin Lipke)

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