75 Jahre Erlöserkirche Fasanenhof – einziges evangelisches Gotteshaus aus der Nazizeit

Nur acht Jahre unversehrt

Seit zwei Jahren mit Sonnenstrom-Technik auf dem Dach und neuem Anstrich: Die Erlöserkirche Fasanenhof an der Grillparzerstraße. Fotos:  privat

Fasanenhof. 75 Jahre sind für ein evangelisches Kirchengebäude in unserer Region eigentlich kein Alter. In der Erlöserkirche im Stadtteil Fasanenhof feiert die Gemeinde an diesem Wochenende dieses Gründungsjubiläum. Unter den 36 Gotteshäusern des evangelischen Stadtkirchenkreises Kassel ist die Erlöserkirche die einzige, die zur Zeit des Nationalsozialismus errichtet wurde.

Das war vor dem Hintergrund des Kirchenkampfes im Dritten Reich kein einfaches Unterfangen. Der damalige Pfarrer Wöll schieb kurz vor der Fertigstellung 1936: „Mag es Menschen geben, die der evangelischen Kirche den Untergang wünschen oder ihn gar schon erwarten, so mag der Bau dieser Kirche uns anderen den Glauben stärken und beweisen, dass sie noch lebt und leben wird, wenn alles andere in den Staub gesunken ist.“

Der Kirchenbau setzte den Schlusspunkt unter die Entwicklung eines neuen Stadtteils. 1926 hatte die Stadt Kassel den Gutsbezirk Fasanenhof gekauft, eine Siedlungs- und Baugenossenschaft zog in der Folge dort Wohnhäuser hoch. Aus anfangs 419 Menschen im Quartier waren bei Fertigstellung der Erlöserkirche über 8000 geworden.

Nur acht Jahre blieb das neue Gotteshaus unversehrt. Bei einem Luftangriff am 22. September 1944 durchschlugen zwei Brandstäbe das Dach. Obwohl die Feuerwehr ganz in der Nähe zum Einsatz bereit stand, verbot ein Parteigewaltiger den Löscheinsatz, wie Zeitzeugen berichteten. Nur die Außenmauern und der Turm überstanden das Flammenmeer. Nach dem Krieg wurde die Erlöserkirche 1954/55 wieder aufgebaut.

Größere Arbeiten wurden zuletzt im Jahr 2009 vorgenommen: Das Gebäude erhielt einen neuen Außenanstrich, neue Dachziegeln in der ursprünglichen Anthrazitfarbe sowie eine Photovoltaik-Anlage mit 150 Modulen, die seither Sonnenenergie vom Kirchendach ins Stromnetz einspeist.

Als Nächstes wäre eine Innenrenovierung fällig, sobald die Finanzlage es zulässt, sagt Pfarrerin Ellen Kallweidt, die die Gemeinde mit ihrem Kollegen Birgfried Stabernack betreut. Verschiedene Ausbesserungen und Eingriffe während der vergangenen Jahrzehnte würden heute nicht mehr als sachgerecht gelten. Zum Beispiel seien „Gewölbe in den Seitenschiffen einfach mit Brettern zugenagelt“ worden, erzählt die Pfarrerin. Die auffallend großzügige und wuchtige Architektur der Kirche mit ihrem Gemeindehaus-Anbau steht beispielhaft für ihre Erbauungszeit.

Die Erlöserkirche im Stadtteil Fasanenhof gehört zur Hoffnungskirchengemeinde, die am 1. Januar 2010 aus dem Zusammenschluss mit der Gemeinde der Neuen Brüderkirche am Wesertor hervorgegangen ist. Sie zählt 5000 Gemeindeglieder.

Von Axel Schwarz

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