Gericht erhöhte Strafmaß für inhaftierten Angeklagten

Acht Monate extra für Falschaussage

Kassel. Die Machenschaften um die Terminwohnung am Wesertor wurden nicht noch einmal ausgebreitet: Er habe dort im Sommer 2010 eine junge Frau einige Tage für sich anschaffen lassen, bestätigte der 20-jährige Angeklagte gestern dem Kasseler Amtsgericht. Dass die Frau noch nicht 21 Jahre alt war, habe er aber nicht gewusst. Eine entscheidende Frage für seine Verurteilung war damit offen.

Sie wurde auch nicht mehr geklärt. Weil noch ein weiterer Anklagepunkt gegen den 20-Jährigen bestand, stellte das Gericht das Verfahren zum Vorwurf „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ ein. Auch die betroffene junge Frau musste so nicht mehr aussagen. Ein bereits angesetzter zweiter Verhandlungstag entfiel.

Verurteilt wurde der 20-Jährige dann wegen uneidlicher Falschaussage. Das Amtsgericht entschied, eine Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten, die der 20-Jährige aktuell verbüßt, auf zwei Jahre und fünf Monate zu erhöhen.

Ironie dieser Geschichte: Das Urteil erging dafür, dass der Angeklagte die Sache mit der Prostitution im August 2011 noch bestritten hatte – damals als Zeuge im Prozess gegen einen Kumpel. Und obwohl er die Aussage auch einfach hätte verweigern dürfen, weil er selbst beschuldigt war. Er habe den Freund decken wollen, erklärte der Kasseler gestern dem Gericht: „Ich wollte halt, dass er nicht so viel Strafe kriegt.“

Wegen Diebstahl in Haft

Genützt hatte es nichts. Der Kumpel ist inzwischen rechtskräftig wegen versuchten Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung verurteilt – weil er versucht hatte, eine 17-Jährige zur Prostitution in der Wohnung am Wesertor zu bewegen. Auch wegen versuchter Anstiftung zur Falschaussage ist er verurteilt. Jene Falschaussage hätte wiederum dem jetzt angeklagten 20-Jährigen helfen sollen – nützte aber auch nichts. Im Mai 2011 war dieser wegen eines räuberischen Taschendiebstahls verurteilt worden und sitzt deshalb bereits in Jugendhaft.

„Ein ziemlich starkes Stück“

„Aus der Haft heraus, eine neue Straftat zu begehen, finde ich schon ein ziemlich starkes Stück“, sagte ihm Richter Jan Pree gestern in der Urteilsbegründung. Dann versuchte er dem 20-Jährigen zu erklären, dass es für dessen Entwicklung besser sei, vorerst länger im festen Rahmen der JVA Wiesbaden zu bleiben und seine Ausbildung zu machen. Der Kasseler sah das anders. „Das glauben Sie!“, rief er dazwischen.

Von Katja Schmidt

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