Symptome und Behandlung

ADHS ist keine Kinderkrankheit: Kasseler Ergotherapeut behandelt viele Erwachsene

Sie kippeln mit dem Stuhl, wippen mit den Füßen, können nicht lange still sitzen und haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Nicht nur Kinder leiden an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz: ADHS.

Auch Erwachsene bekommen Medikamente wie Ritalin gegen die Krankheit verschrieben.

Studien zufolge verlieren sich die ADHS-Symptome bei etwa der Hälfte der betroffenen Kinder im Laufe des Heranwachsens. Der Großteil der anderen Hälfte behalte zwar einzelne Symptome, sei dadurch aber nicht allzu sehr eingeschränkt. Nur bei etwa 1 bis 2,5 Prozent - bezogen auf die Allgemeinbevölkerung - sei ADHS auch im Erwachsenenalter behandlungsbedürftig. Dass ADHS nicht automatisch mit zunehmendem Alter verschwindet, weiß auch Thomas Theis, Ergotherapeut aus Kassel. „ADHS zeigt sich zwar auch schon im Kindergartenalter, also ab etwa fünf Jahren, in Form von Impulsivität, Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und zum Beispiel motorischer Unruhe. Zu uns kommen aber auch ältere Betroffene“, sagt der Inhaber der Reha Point Ergotherapie-Praxen in Kassel und Vellmar.

ADHS: Symptome bei Kindern und Erwachsenen

Von ADHS spreche man in der Regel unter anderem dann, wenn die Aufmerksamkeitsstörung bereits vor dem Schulbeginn aufgetreten sei und länger als ein halbes Jahr andauere. „Die Betroffenen fallen meist bereits dadurch auf, dass sie deutlich unruhiger sind. Sie können sich nicht gedulden, nicht lange bei einer fremdbestimmten Sache bleiben, fangen vieles an und bringen dieses nicht zu Ende. Sie lassen sich leicht ablenken, machen mehr Flüchtigkeitsfehler und sind motorisch ungeschickter als andere“, zählt Theis einige Symptome auf.

Vor allem Kinder mit ADHS zeigten sich impulsgestört: Sie handelten, ohne nachzudenken. Je älter die Betroffenen werden, desto mehr könne die Hyperaktivität einem Gefühl der permanenten Getriebenheit oder inneren Unruhe weichen. Auch neigten sie unter Umständen eher zu Suchterkrankungen und ungünstigem Sozialverhalten.

ADHS: Medikamente und Behandlung

Als Standardbehandlung bei ADHS gelte - neben der kognitiven Verhaltenstherapie - die Stimulanzientherapie, so Theis: Mithilfe von Medikamenten zum Beispiel mit dem Wirkstoff Methylphenidat (wie in Ritalin) soll die Aufmerksamkeit der Patienten verbessert werden.

Auch Ergotherapie werde in diesen Fällen häufig von Haus- oder Fachärzten wie (Kinder-) Psychiatern verordnet. „Eine ADHS-Diagnose können nur Psychiater stellen“, sagt Theis. Ergotherapeuten befassten sich grundsätzlich mit den Problemen, die Menschen aufgrund von Erkrankungen bei der Alltagsbewältigung haben. Bei ADHS im Erwachsenenalter handele es sich oft um strukturelle Schwierigkeiten.

Therapie bei ADHS

Hier arbeite Theis - unter anderem mithilfe von Coaching oder therapeutischer Computersoftware - am Gedächtnis und an der Konzentrationsfähigkeit der Patienten, was vor allem für das Berufsleben wichtig sei. „Wer innerlich unruhig ist, sollte zum Beispiel Sport machen. Auch Tai-Chi und Yoga sind zu empfehlen“, rät der Experte.

Die Berufswahl könne für ADHS-Patienten für eine zufriedene Lebensführung entscheidend sein. Theis empfiehlt den Betroffenen daher zum Beispiel körperlich anstrengende, kreative beziehungsweise künstlerische Berufe.

Bei Kindern seien Programme wie das „Attentioner Training“ und das sogenannte Marburger Konzentrationstraining hilfreich, das aus einer Kombination aus Bewegung, Entspannungsübungen und Arbeitsaufgaben bestehe, so Theis.

Hier finden Sie zehn Mythen und Fakten zum Thema ADHS.

ILF Neurofeedback-Therapie bei ADHS

ADHS zählt zu den sogenannten Selbstregulationsstörungen des Gehirns, bei denen Thomas Theis seit 2015 auch die ILF Neurofeedback-Therapie anwendet. Dabei handelt es sich um eine besondere EEG-basierte Trainingsmethode für Kinder und Erwachsene, die laut Theis dann zur Anwendung kommen kann, wenn diese durch ergotherapeutische Diagnostik gerechtfertigt ist. Mithilfe eines EEGs bekomme das Gehirn über Monitor und Lautsprecher - vereinfach gesagt - seine eigene Aktivität gespiegelt. Durch die Interaktion mit sich selbst lerne das Gehirn, sich besser zu regulieren. Ziel des computergestützten Verfahrens sei, dass das Gehirn unter anderem stabiler in gewissen Erregungszuständen bleibe beziehungsweise flexibler zwischen ihnen wechsele. Dadurch sollen sich laut Theis, Trainer und Dozent der Methode, Symptome bei ADHS, Epilepsie, Migräne und zum Beispiel chronischem Schmerz bessern.

Zur Person: Thomas Theis

Thomas Theis (49) wurde in Kassel geboren und ist seit 1999 als Ergotherapeut tätig. Seit 2005 hat Theis, der sich und sein Team stets in verschiedenen Bereichen weiterbildet, eine eigene Praxis (Reha Point) in Kassel und seit 2014 eine weitere in Vellmar. Theis ist zertifizierter Trainer und Dozent für ILF Neurofeedback-Therapie. Er lebt in einer Lebensgemeinschaft und hat zwei Kinder.

Rubriklistenbild: © dpa

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