Von der Unterneustadt bis zur Wilhelmsstraße

Aus nach 242 Jahren: Das ist die Geschichte der Kasseler Adler-Apotheke 

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So sah es Anfang des 20. Jahrhunderts aus: Die Adler-Apotheke hatte an der Fuldabrücke ihren Standort. An der Ecke des Gebäudes ist der Adler zu erkennen. 

Kassel. Die Adler-Apotheke in der Kasseler Wilhelmsstraße ist geschlossen. Eine lange Geschichte ist damit zu Ende gegangen. In die Räume wird etwas anderes kommen. Was genau, das steht nicht fest. 

Im Verkaufsraum der Adler-Apotheke in der Wilhelmsstraße steht noch eine Kasse aus dem 19. Jahrhundert. Sie hat Dr. Jürgen Herbke wieder aktiviert, als das elektronische Gegenstück mal wieder Zicken machte. Die alte Kasse dagegen hat immer funktioniert, aber nun ist auch für sie Feierabend. Die Adler-Apotheke hat bereits geschlossen, es laufen die Aufräumarbeiten, und mit ihnen geht eine lange Geschichte zu Ende.

Die Adler-Apotheke gibt es nämlich noch länger als die Kasse, die Jürgen Herbke einst aus dem Geschäft seiner Mutter in Berlin mit nach Kassel brachte: gegründet 1776 – zu Zeiten von Landgraf Friedrich II. Herbke nennt ihn in bestem Berlinerisch Friedrich Tralala; überhaupt verleiht allein schon sein Dialekt der ganzen – mitunter lückenhaften – Geschichte etwas Unterhaltsames.

Anfänge in der Unterneustadt 

Die Adler-Apotheke war zu ihren Anfängen noch mitten in der Unterneustadt zu Hause, was laut Herbke nicht ohne Probleme war: Bei Hochwasser liefen die Keller voll. Deshalb entschieden sich die damaligen Eigentümer, zum Holzmarkt an die Fuldabrücke umzuziehen. Das Markenzeichen: ein Adler, der außen an der Ecke angebracht war.

Neuer Standort: Die Apotheke zog nach dem Zweiten Weltkrieg in die Wilhelmsstraße um. 

Herbke erzählt von zwei Bildern, die er mal aufgetan hat: eines von der Adler-Apotheke vor dem Zweiten Weltkrieg, eines nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Als im Oktober 1943 die Bomben über Kassel herniedergingen, blieb auch die Adler-Apotheke nicht verschont: „Auf dem einen Foto ist der Adler noch am Gebäude zu sehen, auf dem anderen liegt er zwischen all dem Schutt des zerstörten Hauses.“

Für die Adler-Apotheke an sich war das aber nicht das Ende. Nach dem Krieg ging es in der Wilhelmsstraße weiter. Jürgen Herbke übernahm die Geschäfte dort 1979. Er wohnte bis dahin mit seiner Frau und vier Kindern in Berlin – und suchte eine Apotheke, die er übernehmen konnte. Herbke hatte die Auswahl zwischen Wanne-Eickel, Kitzingen, Bebra und Kassel – und entschied sich für Kassel, er entschied sich für die Adler-Apotheke.

Apotheke war Anlaufstelle für Drogensüchtige 

In den 39 Jahren erlebte er auch deswegen so viel, weil die Apotheke Anlaufstelle für Drogensüchtige war, die hier Medizin im Rahmen ihrer Substitutionstherapie bekamen. Einmal ermittelte in diesem Zusammenhang die Staatsanwaltschaft, da war richtig Trubel, wie Herbke erzählt.

Er nahm sich damals keinen unbekannten Anwalt: Wolfgang Kubicki, der heute in erster Linie als FDP-Politiker bekannt ist. Es habe eines Briefes von ihm an die Staatsanwaltschaft bedurft, danach sei die Sache dann erledigt gewesen, wie sich Herbke erinnert.

Er und seine in Kassel noch einmal angewachsene Familie wurden in Harleshausen heimisch. „Bei sechs Kindern kennen Sie bald den ganzen Stadtteil“, sagt er. Sein Arbeitsmittelpunkt blieb aber die Adler-Apotheke in der Innenstadt mit all ihren Kunden. „Ich habe sie alle gleich behandelt“, sagt Herbke.

Vor zehn Jahren: Dr. Jürgen Herbke vor der Adler-Apotheke in der Wilhelmsstraße.  

Er wird bald 72. Es ist Zeit, aufzuhören. Weil er und seine Frau Uta keinen Nachfolger fanden, wird in den Räumen etwas anderes entstehen. Vielleicht kommt ein Telefonladen, vielleicht etwas anderes. Es steht noch nicht fest. Nur so viel: Die Adler-Apotheke wird es nicht mehr geben. Das Aus nach 242 Jahren.

Eine Frage zum Abschluss: Was wird er vermissen, wenn die Apotheke nun abgewickelt ist? Jürgen Herbke überlegt nicht lange und antwortet: „Nüschte.“ Aber an der alten Kasse hängt er schon.

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