Bedürftige kommen oft auch aus Osteuropa

Advent lockt Bettler in die Stadt

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Alltägliches Bild: Vor allem in der Vorweihnachtszeit sind Bettler in der Kasseler City zu sehen. Einige kommen aus Osteuropa – nicht selten organisiert. Andere wiederum reisen aus benachbarten Städten an oder leben schon lange in Kassel.

Kassel. Stundenlang sitzt er da in der Königsstraße - direkt vor einem Geldautomaten. Seine verstümmelten Hände und Füße reckt er in die Kälte. Woher er kommt, kann er nicht sagen - er versteht die Frage nicht. Lediglich „Hunger“ kommt ihm über die Lippen. Er lächelt freundlich, nickt, wenn jemand einen Euro in seinen Becher wirft.

200 Meter weiter in Richtung Stern sitzt eine Frau. „Rumänien“, sagt sie. Und: „Zwei Kinder haben“. Auch hier fällt die Verständigung schwer. Sie gestikuliert. Sie wünscht sich eine warme Winterjacke.

Vor dem Eingang der Königsgalerie hat sich Gerhard, 74 Jahre alt, mit seinem Rollstuhl einen Platz gesucht. Er kommt aus Göttingen, „jeden Samstag mit dem Zug“, sagt er. In der Vorweihnachtszeit lohne sich das, 20 bis 30 Euro bettelt er sich pro Tag zusammen. Seit 20 Jahren macht er das, weil ihm die Grundsicherung nicht reicht. Die Bettler aus Rumänien oder Bulgarien stören ihn nicht. „Bei uns gibt es keine Konkurrenz“, sagt er.

Mit der Adventszeit kommen mehr Bettler nach Kassel. „Jedes Jahr beobachten wir das Phänomen“, sagt Lothar Pflüger, stellvertretender Leiter des Ordnungsamtes. Offenbar sitze zu dieser Zeit das Geld der Passanten lockerer, was sich die Bettler zunutze machten. Die öffentliche Sicherheit sei durch das Betteln nicht gefährdet, nur selten würden Fälle von aggressivem Betteln zur Anzeige gebracht.

Betteln hat verschiedene Gesichter. Da gibt es die Bettler aus Osteuropa, die oft organisiert nach Deutschland gebracht werden, um Geld für dubiose Hintermänner zu sammeln. Da gibt es die Clochards, also die Obdachlosen, die als Bettler entweder seit Jahren stadtbekannt sind oder von Ort zu Ort ziehen, da gibt es die Drogenabhängigen, die mit Betteln ihren nächsten Rauschgiftkauf finanzieren, und jene, die zwar eine Wohnung haben, aber nicht mit ihrer Grundsicherung auskommen - und es gibt Bettler, die das Betteln sogar als Teil einer bestimmten Lebenskultur zelebrieren. „Das sind oft Punks, die zwar in der Regel versorgt sind, aber dennoch auf die Straße gehen“, sagt Stefan Jünemann. Der Straßen-Sozialarbeiter ist für die Tagesaufenthaltsstätte Panama des Vereins Soziale Hilfe unterwegs. Für alle Formen des Bettelns gilt: „Betteln ist nicht verboten. Seit 1974 ist das in Deutschland so“, sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Grund genug für die Ordnungsbehörden und die Polizei, das Betteln nicht besonders zu beobachten. „Daher fehlen auch Zahlen, wie viele Bettler tatsächlich in der Adventszeit nach Kassel kommen.“ Es sind mal mehr, mal weniger.

Hintergrund: Aggressives Betteln ist selten

Betteln stellt in Kassel kein Problem dar. "Schwierig wird es erst, wenn aggressiv gebettelt wird", sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Aggressives Betteln beginnt dann, wenn Passanten festgehalten oder beschimpft werden. Das eine grenzt an Körper-, das andere an Ehrverletzung beides sind Straftaten. "Solche Fälle sind allerdings sehr selten", sagt Werner.

"Problematisch ist es auch, wenn Kinder zum Betteln losgeschickt werden", ergänzt Lothar Pflüger, stellvertretender Leiter des Ordnungsamts. Hier gehe es um das Kindeswohl, aber auch um sittliche Fragen. "Kinder sollen in die Schule gehen und nicht in der Kälte stehen", sagt Pflüger. In solchen Fällen werde sofort das Jugendamt informiert. Doch auch diese Fälle kommen in Kassel selten vor.

"So gibt es für das Ordnungsamt aktuell keinen Grund, mehr Mitarbeiter des Ordnungsdienstes durch die Stadt zu schicken. Wir haben zwölf Mitarbeiter fast rund um die Uhr im Einsatz. Das genügt", sagt Pflüger.

"Kontaktaufnahme ist schwer"

Mitglieder geschleuster Bettlergruppen scheuen meist jede Annäherung

Das sind ganz arme Leute", sagt Stefan Jünemann, seit 20 Jahren Straßen-Sozialarbeiter für den Verein Soziale Hilfe. Er kennt die Bettler-Problematik nur zu gut. "Die Bettler aus Osteuropa kommen in Wellen, meist schon im November, und bleiben vier bis sechs Wochen hier." Dann verschwänden die Gruppen wieder ganz.

Generell sei es schwierig, an diese Menschen heranzukommen, was nicht nur an der Sprachbarriere liege. "Diese Leute sind meist in Strukturen eingebunden und werden entsprechend gelenkt." Diesen Abhängigkeiten fühlten sie sich verpflichtet - und lehnten daher jede Hilfe ab.

Nur selten passiere es, dass Bettler aus Osteuropa die Tagesaufenthaltsstätte Panama des Vereins Soziale Hilfe aufsuchten. "Wir betreuen hier eine ganz andere Klientel", sagt Jünemann. "Meist Obdachlose aus Kassel und der Region." Sie kämen zum Duschen oder Essen in die Aufenthaltsstätte, "aber auch Schlafplätze stehen bereit - wir verfügen über neun Container und zwei Apartments".

Von Boris Naumann

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