Die Uni für ältere Semester

300 Seniorenstudenten nutzen Programm der Kasseler Hochschule

Nicole Carl

Kassel. Nicht nur für die 23.100 eingeschriebenen Studenten der Uni Kassel hat das Semester begonnen. Auch für 300 Seniorenstudenten der Bürgeruni geht das Büffeln wieder los. Eine davon ist Marta Kristen aus Helsa.

Seit zwölf Semestern nutzt die 79-Jährige die Gelegenheit, sich weiterzubilden – dabei gilt ihr Interesse vor allem der Geschichte.

„Viele Leute denken, im Ruhestand hängt der Himmel voller Geigen“, sagt die Rentnerin. Nach einiger Zeit sei bei ihr aber eine „gewisse Leere“ eingetreten. Über die Bürgeruni holte sich Marta Kristen neue Anregungen. Die Aufgaben als „Studentin“ habe ihr nicht zuletzt geholfen, den Verlust ihres verstorbenen Mannes zu verarbeiten.

Das seit 2005 bestehende Angebot der Kasseler Hochschule bietet verschiedene Möglichkeiten für das nach- oder nebenberufliche Lernen. Neben einem Gasthörerprogramm, in dem man dieselben Lehrveranstaltungen besucht wie die Studenten, gibt es eigens konzipierte Studienformate für die Bürgeruni-Teilnehmer.

„Das Angebot nehmen meist ältere Menschen wahr, die nach einem anspruchsvollen Berufsleben eine sinnvolle Beschäftigung suchen, die ihnen Befriedigung und Anerkennung bringt“, sagt Nicole Carl, Koordinatorin der Bürgeruni.

Verschärft sich durch die zusätzlichen Gasthörer nicht die Raumnot an der Uni? „Wir achten gezielt darauf, welche Programme wir anbieten, sodass den regulären Studenten keine Kapazitäten verloren gehen“, betont Carl.

Als Marta Kristen sich vor sechs Jahren als Gasthörerin einschrieb, war sie unsicher: Kann ich bei den jungen Leuten überhaupt bestehen?, fragte sich die gelernte Kauffrau. Heute schwärmt die 79-Jährige von dem Verhalten ihrer Kommilitonen: „In der langen Zeit erlebte ich nur Positives. Junge Menschen um mich zu haben, ist mein Lebenselixier.“

Auch die Studenten profitieren von dem gemeinsamen Lernen. „Das Engagement und die Zielstrebigkeit vieler Älterer können wir als Beispiel für unser späteres Berufsleben nehmen, in dem genau das gefordert sein wird“, sagt die 24-Jährige Wirtschaftsstudentin Niki Merz.

Begeistert von der Bürgeruni ist auch die Mittsechzigerin Anne Lindenberg, die Kunst studiert: Nach 35 Jahren in der Pharmaindustrie sei es ihr Traum gewesen, ihre Liebe zu Kunst und Kultur weiter zu vertiefen, sagt Lindenberg. Dazu habe sie jetzt Gelegenheit. „Die Bürgeruni ist eine Bereicherung meines Lebens.“

Ans Aufhören denken die beiden Seniorenstudentinnen noch lange nicht. Nicht umsonst besagt ein Sprichwort, dass man nie im Leben auslernt.

Von Sergej Leontev

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