Noch 24 Feierabendschwestern in der Stadt

Ära geht zu Ende: Letzte Diakonissen haben Mutterhaus in Kassel verlassen

+
An der Goethestraße (ehemals Kaiserstraße 85) werden seit über 100 Jahren Kranke gepflegt und medizinisch versorgt. Unser Foto zeigt das Diakonissenhaus in den 19 20er-, 30er-Jahre. 

Kassel. Vor zwei Jahren feierte das Kurhessische Diakonissenhaus an der Goethestraße, die Zentrale der Schwesternschaft und der gleichnamigen Stiftung, sein 150-jähriges Bestehen.

Jetzt geht eine große Ära in Kassel zu Ende. Aus dem Mutterhaus sind die letzten betagten Diakonissen ausgezogen. 

Waren im vergangenen Jahrhundert noch 500 Diakonissen und mehr in und um Kassel im Einsatz, so haben sich in den vergangenen Jahren die Schwestern in ihrer schlichten Tracht mit der weißen gestärkten Haube nach und nach aus dem Stadtbild verabschiedet. Heute leben 24 sogenannte Feierabendschwestern in der Stadt.

Eine Gemeindeschwester unterwegs.

Das Diakonissenhaus befinde sich in einem „Transformationsprozess.“ Dr. Eberhard Schwarz, Dekan i. R. und Theologischer Vorstand, betont, dass zwar etwas zu Ende gehe, aber das Diakonissenhaus in den bewährten Aufgabenfeldern weiterhin tätig bleibe. „Unsere Arbeit von der Jugend- bis zur Altenhilfe bleibt bestehen.“ Hier ist das Diakonissenhaus Arbeitgeber von 350 Menschen. Zudem sei die Stiftung nach wie vor (mit 40 Prozent) an der Agaplesion-Klinik, dem ehemaligen Diakonissenkrankenhaus, beteiligt.

Nie habe es Stillstand gegeben, so Schwarz. Vielmehr habe sich das Haus stets weiterentwickelt. Der Schwerpunkt der Arbeit liege nach wie vor in Kassel. Aber man sei auch anderswo vor Ort, etwa in Guntershausen mit einer Alteneinrichtung. „Wir verkörpern nach wie vor den diakonischen Geist.“ Für das Mutterhaus sollen bis 2018 Konzepte entwickelt werden. Als neue Nutzung sei beispielsweise barrierefreies Wohnen denkbar, so Schwarz. Eine weitere Aufgabe stehe mit der Fusion mit dem Waldeckschen Diakonissenhaus Sophienheim Bad Arolsen an.

Vertrauensschwester Ursula Graack

Das „Hessische Diakonissenhaus“ war am 18. Oktober 1864 in Treysa gegründet worden. Im Jahr 1893 wurde sein Sitz mit der Eröffnung des Diakonissenkrankenhauses nach Kassel verlegt. Seit 1902 besteht es in der Rechtsform einer Stiftung.

Die Schwesternschaft bot den Diakonissen Geborgenheit und finanzielle Absicherung, aber auch die für Frauen im vergangenen Jahrhundert nicht selbstverständliche Möglichkeit einer Berufsausbildung.

Das Zuhause und der Arbeitsplatz von Schwester Ursula Graack (87) war 60 Jahre lang das Kurhessische Diakonissenhaus. Sie und ihre Mitschwester Emmi Herrmann waren die letzte Diakonissen, die im Traditionshaus an der Goethestraße gelebt haben. Jetzt sind beide ausgezogen. Zum Abschied gab es ein Fest mit dem Titel „Das Zeitliche im Mutterhaus segnen“. Pfarrerin Anja Baum sagt dazu: „Wir wollten innehalten und uns dieses Wandels bewusst werden.“ „Die Diakonissenschwesternschaft ist noch da.“ Sr. Ursula Graack Als „Feierabendschwestern“, die sie schon lange sind, leben die Schwestern Ursula und Emmi jetzt in einem der nahe gelegenen Altersruhesitze der Diakonissen, von denen sich einige auf dem Areal des Diakonissenhauses befinden. 

Noch 24 Diakonissen verbringen ihren Lebensabend in Kassel. Hinter jeder liegt ein erfülltes, im diakonischen Dienst stehendes, oft spannendes Leben.„Früher waren wir so viele“, sagt Sr. Ursula mit Wehmut in der Stimme. Sie kann sich an Zeiten erinnern, als sie Hunderte waren: tätig in Krankenhäusern, Kinderheimen, Kitas, in der Altenarbeit, aber auch im missionarischen Dienst in fernen Ländern. Einige der Lebensläufe sind in der Jubiläumsschrift nachzulesen. Zum Gespräch bringt Vertrauensschwester Ursula einen großen Karton mit. Darin befinden sich unter anderem viele Fotos, die die Geschichte des Einrichtung dokumentieren. Ehrenamtlich pflegt sie seit Jahrzehnten die Chronik des Hauses.

Der Auszug aus dem Diakonissenhaus sei eine Zäsur, sagt Schwester Ursula. „Wir sind jetzt noch 24 Schwestern, die seit ihrem Eintritt in die Schwesternschaft im Diakonissenhaus beheimatet sind.“ Es sei „schmerzlich“, dass nun im großen Mutterhausgebäude keine Diakonissen mehr wohnten. „Aber die Schwesternschaft ist noch da. Wir gehören ganz hierher.“ Zwar stehe sie nicht mehr „im tätigen Dienst der Nächstenliebe, aber ein anderer Dienst hat jetzt Priorität: das Gebet, die Fürbitte für die Stadt und die Menschen, die hier leben.“

www-diakonissenhaus.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.