„Vorgehensweise wird von uns nicht toleriert“

DPD-Bote erfand Namen - Paketdienst entschuldigt sich

Kassel. Anne Lenze (Name geändert) ist fassungslos. Vor fünf Wochen hat sie eine Warensendung durch den Paketdienst DPD erhalten – und alles war schief gelaufen.

Zunächst war ihr per Mail angekündigt worden, ihr Paket werde in einem bestimmten Zeitraum zugestellt. Aber nichts passierte. Lenze wartete und wartete. Dann forschte sie nach. In der Sendeverfolgung hieß es dann: Das Paket sei in ihrer Abwesenheit bei einem Nachbarn namens Icke abgegeben worden. Dabei war sie doch zu Hause gewesen. Von einer Benachrichtigungskarte im Briefkasten keine Spur. „Und einen Icke in der Nachbarschaft gibt es auch nicht“, sagt Lenze. Wo ist jetzt also das Paket?

Wieder eine Nachfrage bei der DPD. Der Zusteller gab darauf hin an, er wisse nicht wo Icke wohne, er habe ihn auf der Straße getroffen. Zwei Tage später fand sie ein Paket auf ihrer Terrasse. Es war das bestellte. Wie kam es jetzt dahin? War es der besagte Fremde mit dem Namen Icke? Eine Abstellgenehmigung hatte Lenze nicht erteilt. Sie ging davon aus, dass ein wildfremder Mensch nun das Paket dort platziert hat.

Tatsächlich wurden bei ihr kurz darauf aus der Garage Geräte gestohlen. Hatte der Fremde das Grundstück bei seiner „Zustellung“ ausbaldowert? Lenze ging zur Polizei, erstattete Anzeige.

Dann fragte sie wieder bei der DPD nach. „Wer ist dieser Icke?“ E-Mail folgte auf E-Mail. Erst zum Schluss, fast einen Monat später, gab DPD zu, dass es der Zusteller selbst war, der das Paket auf der Terrasse platziert hat – ohne Abstellgenehmigung. Ob er dabei auch das Grundstück ausbaldowert hat, bleibt zunächst im Dunkeln. Die Polizei ermittelt.

Inzwischen zeigt die DPD Reue. Die Vorgehensweise des Zustellers entspreche in keiner Weise den Vorgaben und werde nicht toleriert. Tatsächlich habe er selbst regelwidrig mit „Icke“ quittiert. Auch sei es unzulässig, keine Benachrichtigungskarte zu hinterlassen. Noch nicht einmal die Terrasse hätte er betreten dürfen, weil keine Abstellgenehmigung erteilt worden war. „DPD möchte sich in aller Form bei Frau Lenze für diese missglückte Zustellung entschuldigen“, sagt Sprecher Frank Vergien.

Fakt ist aber auch: Hätte es den Nachbarn Icke tatsächlich gegeben, hätte der Zusteller das Paket durchaus dort abgeben können. Diese sogenannte Ersatzzustellung ist bei der DPD wie auch bei anderen Paketdiensten absolut üblich, weil sie die Zustellung erheblich erleichtert.

„Damit wäre ich auch völlig einverstanden gewesen“, sagt Lenze. Warum aber der Zusteller stattdessen lieber den Namen Icke erfunden hat, bleibt ihr ein Rätsel. Dazu DPD: „Wir haben den Zusteller verwarnt. Solch ein Vorgang wird sich nicht wiederholen.“

Von Boris Naumann 

Hintergrund: So muss ein Paketbote Lieferungen zustellen

Ist der Empfänger einer Paketsendung nicht anzutreffen, so sehen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Paketdienste (AGB) die sogenannte Ersatzzustellung vor – zum Beispiel bei anderen Personen im Haus oder bei direkten Nachbarn. Dabei muss immer eine Benachrichtigungskarte hinterlegt werden. Ist eine Ersatzzustellung nicht gewünscht, können das der Absender wie auch der Empfänger in der Regel vorher dem Paketdienstleister mitteilen.

Ist das der Fall, muss der Bote die Sendung im nächsten Paketlager zur Abholung hinterlegen, wenn der Adressat bei Erstzustellung nicht angetroffen wurde. Paketzusteller dürfen eine Sendung niemals einfach so vor die Haustür oder irgendwo im Garten ablegen. Es dürfen aber zwischen Zusteller und Empfänger Absprachen getroffen werden (Garagenverträge), wo eine Paketsendung hinterlegt werden kann – zum Beispiel in der Garage. Empfänger können je nach Paketdienst aber auch eine einmalige Abstellgenehmigung erteilen.

Dann kann ein Zusteller das Paket an einer genau beschriebenen Stelle platzieren. Grundsätzlich gilt: Ein Paket ist erst dann zugestellt, wenn der Empfänger (Adressat) die Sendung in den Händen hält. Verschwindet das Paket einfach so, oder beim Nachbarn, muss bei Warensendungen zunächst der Absender für Ersatz sorgen. Bei Privatsendungen regeln die jeweiligen AGB, ob bei Verlust der Paketdienstleister für den Schaden aufkommt oder nicht. (bon)

Rubriklistenbild: © picture alliance / obs

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