Neuzuwanderer aus Osteuropa

In ärmsten Verhältnissen: Ruf nach mehr Hilfe für Bulgaren

Kassel. Familien, die zu zwölft in einem Raum leben. Kinder, die neu in der Schule ankommen und nicht einmal einen Kuli mitbringen. Eltern, die mangels Krankenversicherung ihre Kinder nicht impfen lassen können. Dies sind keine Einzelfälle, sondern Schlaglichter auf die Realität vieler Neuzuwanderer aus Bulgarien und Rumänien in Kassel.

In der Stadt hat sich die Zahl der Bulgaren seit dem EU-Beitritt des Landes 2007 mehr als verzehnfacht. Aktuell leben 1400 Bulgaren in Kassel - inzwischen die dritthäufigste ausländische Nationalität (hinter Türken und Polen). Die Zahl der Rumänen liegt bei 570.

Die meisten dieser osteuropäischen Neuzuwanderer haben sich in der Nordstadt niedergelassen. Bei einem Fachtag, organisiert von den Trägern des Projekts Neustart (siehe Hintergrund) ging es jetzt darum, wie man den Betroffenen besser helfen und die Situation in den Quartieren verbessern könnte. Die Migrationsberatung und andere soziale Anlaufstellen dort platzen aus allen Nähten. Die Schulen und Kitas stehen vor der Herausforderung, immer wieder Quereinsteiger ohne Sprachkenntnisse in die Gruppen und Klassen aufzunehmen.

Doch die Hilfsmöglichkeiten sind begrenzt. Anders als zum Beispiel Asylbewerber, die zumindest in einem rechtlich abgesteckten Rahmen hier seien, gebe es für die Zuwanderer aus den EU-Oststaaten kaum Zugang zu Hilfesystemen, sagt Ulla Wegener vom Kulturzentrum Schlachthof.

Die meisten bekämen keine Sozialleistungen und hätten dadurch keine Berechtigung für Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets (zum Beispiel Zuschüsse für das Schulmittagessen, Klassenfahrten und Fahrkarten), ergänzt Nathalie Dettmar vom Jugendmigrationsdienst der Caritas. Auch eine Berechtigungskarte für die Lebensmittelausgabe Tafel gibt es nur für Empfänger von Sozialleistungen. Sprach- und Integrationskurse stünden den Menschen theoretisch zwar offen - doch bei einer Selbstbeteiligung von 1,20 Euro pro Stunde (bei 600 Stunden) könne sich jemand ohne festes Einkommen das nicht leisten.

Die Zwickmühle setze sich bei der Wohnungssuche fort: Ohne Nachweis einer Existenzsicherung fänden viele Zuwanderer keine Wohnung - oder nur bei unseriösen Vermietern, die die Notlage ausnutzen und für heruntergekommenen Wohnungen überhöhte Preise nähmen. „Das ist Wildwest“, sagt Ulla Wegener. Die Probleme seien seit Jahren bekannt, doch es passiere nur wenig, um den Menschen mehr Chancen zu eröffnen, sagt Schlachthof-Chefin Christine Knüppel.

„Es handelt sich um Bewohner dieser Stadt, hier ist auch eine Haltungsveränderung nötig zu sagen: ,Um diese Menschen müssen wir uns kümmern.’“ Mit der Unterstützung der Stadt bei der Antragstellung für das Projekt Neustart sei immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung getan.

Von Katja Rudolph

Projekt Neustart: 24 000 Euro für erstes Jahr 

Das Projekt „nEUstart“ wird getragen vom Caritas-Verband, dem Internationalen Bund und dem Kulturzentrum Schlachthof in Kassel. Das Projekt, das seit diesem April für drei Jahre läuft, gehört zum neuen Landesprogramm WIR (Wirksame Integrationsansätze Realisieren). Für das erste Jahr stehen 24 000 Euro zur Verfügung. „Neustart“ richtet sich an Neubürger aus Bulgarien und Rumänien in Kassel. Ziel ist, die Menschen beim Einleben zu unterstützen und ihnen Orientierungshilfen bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen zu geben.

Neben Beratungsangeboten sollen niedrigschwellige Freizeitaktivitäten für Jugendliche ausgebaut werden. Es soll aber keine Extra-Angebote nur für diese Zielgruppe geben, sondern vorhandene Angebote für Migranten und Jugendliche sollen verstärkt werden. „Da fängt die Integration schon an“, sagen die Träger. Weiteres Ziel ist der Aufbau eines Netzwerks aus Bildungs- und Beratungseinrichtungen, Verwaltung, Arbeitsagentur und weiteren Akteuren, um gemeinsam Veränderungen anzustoßen. Zum Auftakt fand jetzt ein Fachtag statt, um erste Ideen zu entwickeln. (rud)

Mehr Straftaten registriert

Auch die Polizei hat öfter mit Bulgaren und Rumänen zu tun

Kassel. Viele der Zuwanderer aus Osteuropa leben zwar in Armut, aber rechtschaffen in Deutschland. Allerdings schlägt sich die verstärkte Armutszuwanderung aus diesen Ländern auch in einer gestiegenen Zahl von Straftaten durch Bulgaren und Rumänen nieder. Während die Polizei 2007 noch 30 bulgarische Tatverdächtige bei Delikten in der Stadt Kassel registrierte, ist diese Zahl in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen: 2013 gab es 218 bulgarische Tatverdächtige, die Zahl der rumänischen Tatverdächtigen lag bei 172.

Insgesamt weist die Polizeistatistik für das vergangene Jahr 8080 Tatverdächtige in Kassel aus, davon waren gut 72 Prozent Deutsche. Der Anteil ausländischer Tatverdächtiger lag entsprechend bei knapp 28 Prozent. Statistisch gesehen ist die Kriminalitätsrate unter Kasselern mit ausländischem Pass erhöht: Denn der Ausländeranteil in der Stadt beträgt lediglich 13,7 Prozent. 2,7 Prozent der Tatverdächtigen waren bulgarischer Staatsangehörigkeit.

Der Anteil der Bulgaren an der Gesamtbevölkerung in Kassel betrug laut Kommunalstatistik 0,7 Prozent. Bei den Straftaten, an denen Bulgaren oder Rumänen beteiligt sind, handelt es sich nach Angaben der Polizei überwiegend um Ladendiebstähle und um Schwarzfahren (Beförderungserschleichen). Auch Fälle unerlaubten betrügerischen Spendensammelns gibt es häufiger. Zudem sind schon mehrfach Bulgaren wegen Menschenhandel und Zwangsprostitution angezeigt worden. (rud)

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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