Alle Ärzte in der Übersicht

Drei Stadtteile ohne Fachärzte: Praxen sind in Kassel ungleich verteilt

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Dr. Ortrud Lind-Weitzel (r.), die seit fast 30 Jahren als Kinderärztin in Rothenditmold arbeitet, sucht vergeblich jemanden, der ihre Praxis übernimmt. Unser Bild zeigt Lind-Weitzel mit Lennard und seiner Mutter Saskia Groß.

Auf dem Papier gibt keinen Ärztemangel in Kassel. Ein Blick auf die Karte zeigt allerdings ein Ungleichgewicht: In einigen Stadtteilen fehlen bestimmte Ärztegruppen bereits vollständig.

Für Ärzte wird es immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden. Auch Dr. Ortrud Lind-Weitzel, die seit fast 30 Jahren als Kinderärztin in Rothenditmold arbeitet, sucht vergeblich jemanden, der ihre Praxis übernimmt. Dabei könnte ihr Stadtteil die Praxis gut gebrauchen, viele ziehen jedoch eher ins Stadtzentrum.

Rein rechnerisch gilt die Stadt Kassel als überversorgt. Das heißt, es gibt mehr Zahn-, Haus- und Fachärzte, als notwendig wären. Ein Ärztemangel, wie er in ländlichen Regionen zu erkennen ist, ist also im Stadtgebiet Kassel noch nicht spürbar?

Petra Bendrich

"Das stimmt", sagt Petra Bendrich von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). Zumindest mache es sich in der Versorgung der Patienten noch nicht bemerkbar. Dennoch sei der Mangel an nachrückenden jungen Ärzten auch in Kassel angekommen. Bei den Fachärzten sind aus Sicht der KVH vor allem Kinderärzte, Orthopäden und Chirurgen betroffen.

Das bestätigt auch Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamts Region Kassel: "Derzeit geben die Zahlen mit Blick auf die gesamte Stadt noch keinen Grund zur Sorge." Bei Hausärzten liege der Altersschnitt bei 55 Jahren, viele Mediziner würden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen – bei Fachärzten sähe es nicht anders aus.“

Karte: Alle Ärzte in Kassel in der Übersicht

Hinweis: Unsere Karte (hier im Vollbild) zeigt alle Haus- (grün), Zahn- (rot) und Fachärzte (blau, mit Ausnahme von Psychotherapeuten) in Kassel. Vor allem die Fachärzte konzentrieren sich stark auf die dichter besiedelten Stadtteile. Datenquellen: Kassenärztliche Vereinigung Hessen und Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen

In den Stadtteilen Mitte (139), Vorderer Westen (101) und Bad Wilhelmshöhe (70) ist die Dichte der Fachärzte sehr hoch. In Nordshausen, Jungfernkopf und Wolfsanger gibt es dagegen überhaupt keine Fachärzte. Ein Grund dafür, dass sich Fachärzte überwiegend im Zentrum ansiedeln, ist, dass gerade jungen Ärzten an einer guten Verkehrsanbindung gelegen ist. Auch muss der Patientenmix stimmen und der ist eben in zentraler Lage besser zu erreichen.

Dr. Karin Müller

Was die Verteilung der Hausärzte angeht, ist davon auszugehen, dass Stadtteile ohne Ärzte von angrenzenden Stadtteilen mit Praxen mitversorgt werden, so Petra Bendrich. "Die Stadtteile, in denen es nur ein oder zwei Hausärzte gibt, die geben Anlass zur Sorge", bestätigt auch Karin Müller. Allerdings müsse man hier noch mal unterscheiden. In Stadtteilen, die durch soziale Faktoren wie hohe Arbeitslosigkeit oder geringes Einkommen ohnehin belastet seien, falle eine mangelnde ärztliche Versorgung deutlicher auf.

In Stadtteilen wie beispielsweise Brasselsberg und Nordshausen werden mehr Bewohner über Autos verfügen als beispielsweise in Rothenditmold. Das macht es dann auch einfacher, Ärzte in benachbarten Stadtteilen aufzusuchen. In ärmeren Stadtteilen fehlt sogar oftmals das Geld für eine Fahrkarte, weshalb vor allem der Facharztbesuch vielfach gemieden wird.

Bei Schuleingangsuntersuchungen haben Rothenditmolder Kinder überdurchschnittlich schlechte Zähne, Übergewicht und mangelnde Feinmotorik. Deshalb hat sich der Ortsbeirat jetzt mit der ärztlichen Versorgung im Stadtteil befasst. Die Kinderärzte in Kassel sind ohnehin am Limit.

„Wir kritisieren unter anderem, dass wir der einzige Stadtteil sind, in dem es keinen Zahnarzt gibt“, sagt der Rothenditmolder Ortsvorsteher Hans Roth. „Wir würden gern einen Zahnarzt ansiedeln, aber das ist nicht möglich, weil das Stadtgebiet insgesamt überversorgt und deshalb Neuansiedlungen nicht möglich ist“, erklärt Ortsvorsteher Roth.

Den genannten Problemen im Stadtteil könne aber nur durch eine bessere ärztliche Versorgung begegnet werden – zum Beispiel durch medizinische Versorgungszentren. In anderen Gebieten gäbe es die teilweise bereits unter kommunaler Trägerschaft. Das würde jungen Medizinern entgegenkommen, die sich nicht mit einer eigenen Praxis selbstständig machen wollen, weil sie dann bei der Stadt angestellt seien, so Ortsvorsteher Hans Roth.

„Natürlich sind Medizinische Versorgungszentren gerade für junge Ärzte, die sich nicht selbstständig machen wollen, eine gute Möglichkeit“, sagt Gesundheitsamt-Leiterin Karin Müller dazu. Aber eine kommunale Trägerschaft sei bislang nur eine Ausnahme.

In Kassel habe man mit der bisherigen Organisation der Ärzteschaft gute Erfahrungen gemacht, für die Zukunft werden aber auch andere Modelle zu diskutieren und zu erproben sein.

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