Mediziner fordern weniger Bürokratie – Sorge um Zukunft der Arztpraxen

Der Ärzte-Protest geht weiter

Sie kämpfen auch für die Zukunft ihrer Arbeitsplätze: Annette Saewe, Elsemarie Fischemeier, Claudia Münnecke-Köhler, Miriam Knieps, Ina Schmidt und Regine Rodewald (von links). Foto: Heise-Thonicke

Kassel. Die Protestaktionen der niedergelassenen Arztpraxis-Teams sollen trotz der Einigung im Honorarstreik und der angekündigten Honorarerhöhung von rund drei Prozent weitergehen.

Es war ein kalter Mittwochmorgen, und offenbar war bei medizinischen Fachangestellten und Ärzten die Verunsicherung groß, ob weiter protestiert werden soll. So war es nur eine relativ kleine Demonstration vor der AOK auf dem Friedrichsplatz.

Auch der eigens eingerichtete Notdienst beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst als Ersatz für eventuell ausfallende Sprechstunden am Vormittag wurde kaum genutzt. Dennoch kündigten Ärzte und Arzthelferinnen weitere Proteste an.

„Die Einigung ist nur die halbe Miete“, sagte der Kasseler Kinderarzt Alfons Fleer. Um die wohnortnahe ambulante medizinische Versorgung der Patienten auf dem heutigen Niveau und für eine älter werdende Bevölkerung zu sichern, seien strukturelle Veränderungen nötig. Unter anderem fordern die Ärzte den Abbau einer überbordenden Bürokratie, die zulasten der Patienten gehe. So seien zum Teil zwölf Seiten lange Formulare auszufüllen, nennt der Kasseler Allgemeinmediziner Dr. Uwe Popert vom Gesundheitsnetz Nordhessen als Beispiel. Auch die Praxisgebühr verursache einen großen Verwaltungsaufwand, sagt der Vorstand der Ärztegenossenschaft Doxs und Allgemeinmediziner Dr. Stefan Pollmächer.

Angesichts der Situation niedergelassener Mediziner sei es immer schwieriger, Ärzte als Nachfolger oder auch angestellte Mitarbeiter zu finden. Der Ärztemangel komme längst auch bei den Fachärzten und in den Städten an, betont Popert. Steigende Arbeitsbelastung, aber auch Angst vor Regressforderungen, die die Kassen erheben, wenn ein Arzt sein Budget an Arznei-, Heil- oder Hilfsmitteln überschritten hat, schrecken laut Pollmächer viele junge Mediziner ab.

Zudem befürchten die Ärzte, dass die angekündigten Honorarerhöhungen wieder in Sachkosten zum Beispiel für teurere Infusionen versickern könnten. Im Übrigen reiche die Erhöhung ohnehin nicht, um die seit 2008 gestiegenen Praxiskosten zu decken.

„Es geht auch um unsere Gehälter“, fügte Arzthelferin Christiane Freitag aus Niestetal hinzu. Trotz einer etwa zehnprozentigen tariflichen Erhöhung der Gehälter für die medizinischen Fachangestellten in den vergangenen Jahren könne man davon kaum leben, rechneten ihre Kolleginnen vor. Von einem Stundenlohn von neun Euro brutto berichtet eine junge Frau, die seit fünf Jahren ausgelernt hat. Zwölf Euro bekommt ihre Kollegin, die seit über 20 Jahren im Beruf ist. Dabei werde in Hessen vergleichsweise gut bezahlt, sagte Ingrid Gerlach vom Vorstand des Bundesverbandes medizinischer Fachberufe.

Eine - nicht repräsentative - Umfrage auf HNA.de ergab übrigens, dass knapp 48 Prozent der Leser den Ärzteprotest für nicht berechtigt halten. Etwa 46 Prozent stimmten gestern den Medizinern zu, 6 Prozent waren unentschlossen. Archivfotos: nh

Von Martina Heise-Thonicke

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