Kassen fordern 10 000 Euro – Medizinerin: „Kann Kindern nicht gerecht werden“

Ärztin fürchtet Pleite

Inge Schreier

Kassel. Erst vor vier Jahren hat Inge Schreier ihre eigene Praxis eröffnet, jetzt fürchtet die Ärztin eine Insolvenz. Der Grund sind Regressforderungen der Krankenkassen nach einer überraschenden Wirtschaftlichkeitsüberprüfung. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie fiel aus dem üblichen Verordnungsrahmen, weil sie einen hohen Anteil junger Patienten mit einem Aufmerksamkeitsdefizit mit einer Hyperaktivitätsstörung (ADHS) behandelt.

Rechtsanwalt eingeschaltet

Inge Schreier erhielt Ende 2011 die Mitteilung, dass sie für das Abrechnungsjahr 2009 40 000 Euro nachzahlen sollte. Die 61-Jährige legte Widerspruch ein, und die Forderung der Krankenkassen schrumpfte auf 17 000 Euro, danach noch einmal auf 10 000 Euro. „Die Kriterien sind für mich nicht nachvollziehbar“, sagt die Medizinerin, die eine Praxis auf der Marbachshöhe hat. Deshalb habe sie den Fall jetzt an einen Rechtsanwalt übergeben. Denn sie bangt, dass ihr für die darauffolgenden Jahre weitere Regressforderungen in die Praxis flattern könnten. „Dann muss ich die Insolvenz fürchten“, sagt Inge Schreier. „Ich werde mit Kinder- und Jugendpsychiatern in ganz Hessen gleichgestellt. Es gibt aber vielleicht nur noch eine oder zwei andere Praxen in Hessen, die genauso arbeiten wie ich“, sagt die Fachärztin. Diesen besonderen Schwerpunkt ihrer Arbeit würden die Krankenkassen jedoch nicht berücksichtigen. „Die gucken nur nach Verordnungen. Und da liege ich über dem Durchschnitt.“

Ohnehin wisse sie aufgrund der Abrechnungspraxis nie, mit welchen Vergütungen sie rechnen könne. Und das Leistungsabrechnungsverfahren führe dazu, dass sie in jedem Quartal die Praxis 14 Tage schließe, weil ihre Arbeit von den Krankenkassen nur in einem gesetzten Rahmen bezahlt werde.

Nicht nur wirtschaftliche Ängste beschäftigen sie deshalb. „Ich glaube, ich gehe in der Behandlung sehr sorgfältig vor, und fühle mich deshalb sehr betroffen.“ Die Kinder- und Jugendpsychiaterin verordnet ihren jungen ADHS-Patienten nach einer aufwendigen und sorgfältigen Diagnose zunächst häufig Ergotherapie, um die Konzentration und die Aufmerksamkeit zu verbessern - bevor sie eventuell Medikamente wie Ritalin verschreibt. In der Regel seien dies zunächst 40 Ergotherapie-Verordnungen. „Oftmals reicht das aus, und man braucht keine Medikamente“, weiß die Ärztin aus Erfahrung.

Bei vielen Kindern und Jugendlichen sei aber dennoch eine Medikamentenverordnung anzeigt. Und auch dabei drohten der Fachärztin Regresse. „Mit den üblichen Vorgaben kann ich den Kindern im Grunde gar nicht gerecht werden“, bedauert sie.

Die Kinder hätten oft Schulschwierigkeiten, Teilleistungsschwächen und soziale Probleme. „Ich finde, es ist angebracht, diese Kinder umfassend und gut zu behandeln, damit daraus keine Spätfolgen resultieren“, sagt die Fachärztin. Archivfoto:  nh

HINTERGRUND

Von Martina Heise-Thonicke

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