Neonazis in AfD

AfD Kassel nominierte Neonazi - Experte: „Wahrscheinlich hat es die Partei einfach nicht interessiert“

Männer stehen vor einer Kneipe.
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Einst Treffpunkt von Neonazis: Vor der Kasseler Kneipe „Stadt Stockholm“ am Entenanger wollten sich am 30. August 2002 der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke, Stephan Ernst (Zweiter von rechts) und andere Rechtsextreme mit linken Demonstranten prügeln. Auch Christian Wenzel mischte damals mit.

Die Kasseler AfD steht in der Kritik, weil sie für die Kreistagswahl den Neonazi Christian Wenzel aufgestellt hat. Auch Rechtsextremismus-Experte Christopher Vogel kritisiert die Partei.

Wie sehr hat es Sie überrascht, dass die AfD mit Christian Wenzel einen langjährig aktiven Rechtsextremen aufstellt?
Sehr, man hätte zumindest erwarten können, dass die Verantwortlichen in der Partei den Namen mal googeln. Dann hätten Sie sofort gewusst, mit wem sie es zu tun haben. Sich für eine Wahl aufstellen zu lassen, ist etwas anderes, als Wahlplakate zu kleben, wie es Stephan Ernst einst für die AfD gemacht hat. Es gibt natürlich auch Parteien, die sagen: „Der sieht vernünftig aus. Den können wir aufstellen.“ So konnte es etwa passieren, dass die CDU in der Kasseler Nordstadt vor einigen Jahren einen Rechtsextremen zum Kassenwart wählte.
Es gibt Verantwortliche in der nordhessischen AfD, die beteuern, sie hätten vom rechtsextremen Netzwerk Blood and Honour, in dem Wenzel Mitglied war, noch nie etwas gehört.
Das ist ebenso erstaunlich. Wer Politik macht und davon noch nichts mitbekommen hat, muss die vergangenen Jahre abgeschottet von der Welt verbracht haben. Wahrscheinlich hat es die Partei einfach nicht interessiert, wer Wenzel ist. Vielleicht auch deshalb, weil die Auswahl an möglichen Kandidaten in der Kommunalpolitik nicht so groß ist. Das schadet nun der Partei. Viele potenzielle Wähler werden denken: So ein Typ geht zu weit.
Angeblich war Wenzel lange einer der engsten Weggefährten des mutmaßlichen Lübcke-Mörders Stephan Ernst. Wo waren die beiden aktiv?
Sie waren in den 90er-Jahren beide in der Kasseler Kameradschaftsszene. Wer damals Neonazi wurde, suchte nicht die Nähe zu Parteien wie den Republikanern. Die waren ihnen zu langweilig. In den Kameradschaften dagegen gab es Action und Nähe zu Waffen. Das alles haben Wenzel und Ernst geteilt. Wenzels Stiefbruder Benjamin G. hat im Münchner NSU-Prozess gut beschrieben, was den Alltag in der Szene damals ausmachte: Saufen, Action, auf Konzerte und Demos fahren. Wenzel war der Verbindungsmann der nordhessischen Szene für den Osten. Die Mitglieder von „Blood and Honour“ bewegten sich auch im Umfeld des NSU.
Es heißt, dass sich Wenzel wie Ernst in den vergangenen Jahren aus der aktiven rechten Szene zurückgezogen haben soll. Macht das Extremisten wie ihn gerade so gefährlich, weil sie ihre Ideologie ja nicht einfach ablegen?
Genau. Ab einem gewissen Alter hat man halt keine Zeit mehr, jedes Wochenende auf Demos und Konzerte zu fahren. Man wird ruhiger, etwa weil man Familie hat. Aber die Ideologie ist nach wie vor da. Man ist beispielsweise weiterhin feindlich gegenüber Flüchtlingen eingestellt. Darum hat man Leute wie Wenzel auch bei den islamfeindlichen Kagida-Demos gesehen. Bei Kagida konnten sie wieder auf die Straße gehen, ohne Stress mit der Polizei zu kriegen.
Auch Wenzels Stiefbruder, der rechtsextreme frühere V-Mann Benjamin G., lebt in Helsa. Ist der Ort ein braunes Zentrum?
Nein. Es ist aber so: Wenn gewisse Leute in einen Ort ziehen, lockt das auch andere an. Man wohnt gern dort, wo Gleichgesinnte leben. Dafür kann das Dorf aber nichts.
Kann es Zufall sein, dass erst Stephan Ernst für die AfD Wahlkampf macht und ein anderer aus der Neonazi-Szene bekannter Mann für den Kreistag kandidiert?
Nein. Die AfD muss sich fragen, warum sie gerade für solche Leute attraktiv ist, die auf eine jahrzehntelange Gesinnung zurückblicken. Es ist Unsinn zu behaupten, alle in der AfD seien Neonazis. Aber gerade der Umgang mit dem rechtsextremen Flügel zeigt, dass die Partei ein Problem hat. Sie schafft es nicht, ein glaubwürdiges Zeichen zu setzen.
Ist die AfD mittlerweile eine rechtsextreme Partei, wie Kritiker behaupten?
Das kommt auf die Definition an, was rechtsextrem ist. Ich würde eher sagen, dass sie ein autoritär-völkisches Weltbild vertritt. Die AfD ist nicht mehr die konservative Partei aus der Gründungszeit. Sie ist spektrenübergreifend. Von enttäuschten CDU-Wählern bis zu Neonazis können sich viele auf sie einigen. Das ist das Gefährliche.

Christopher Vogel arbeitet beim Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Kassel. (Matthias Lohr)

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