1. Startseite
  2. Kassel

Wissenschaftler untersucht Facebook-Posts: So grenzt die AfD andere im Netz aus

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Die AfD setzt auf Provokation und Emotionalisierung: Das ist ein Ergebnis der Arbeit des Politikwissenschaftlers Johannes Hillje. Ein Beispiel dafür ist dieser Facebook-Post der Partei gegen Wirtschaftsminister Robert Habeck.
Die AfD setzt auf Provokation und Emotionalisierung: Das ist ein Ergebnis der Arbeit des Politikwissenschaftlers Johannes Hillje. Ein Beispiel dafür ist dieser Facebook-Post der Partei gegen Wirtschaftsminister Robert Habeck. © AfD/Facebook

Politikwissenschaftler Johannes Hillje wollte wissen, wie die AfD so stark werden konnte. Darum untersuchte er Facebook-Posts. Sein Ergebnis: Die anderen Parteien müssen im Netz besser werden.

Kassel – In seiner an der Kasseler Uni eingereichten Doktorarbeit hat der Politikwissenschaftler Johannes Hillje herausgearbeitet, wie die AfD durch ihre Social-Media-Kommunikation eine kollektive Identität konstruiert und Wähler an sich bindet. Doktorvater des in Berlin lebenden Kommunikationsberaters ist der Politik-Professor Wolfgang Schroeder aus Kassel.

Die AfD hat fast 520 000 Facebook-Fans, mehr als doppelt so viel wie die anderen Parteien. Wie hat die AfD es geschafft, ihr eigenes Massenmedium im Netz zu etablieren?

Rechtspopulistische Akteure wie die AfD sind deshalb so erfolgreich in sozialen Medien, weil ihr polarisierender Kommunikationsstil auf Facebook, Youtube und anderen Plattformen belohnt wird. Es gibt eine hohe Übereinstimmung zwischen einem populistischen Kommunikationsstil und den Auswahlkriterien sozialer Medien. Zudem hat die AfD viele Ressourcen für die digitale Kommunikation abgestellt. Die junge Partei hat dies als Chance gesehen, um Menschen zu erreichen. Neben der Provokation in journalistischen Massenmedien setzte sie von Anfang an auch auf Emotionalisierung in den eigenen digitalen Kanälen.

Was macht sie dort besser als andere Parteien?

Die Zahl der Facebook-Fans sagt erst einmal nicht viel aus. Die Menschen werden erst wirklich erreicht, indem sie zur Interaktion angeregt werden, etwa zum Kommentieren oder Teilen. Das schafft die AfD besser als andere Parteien.

Sie haben Tausende Facebook-Posts untersucht und sagen, das sei nicht vergnügungssteuerpflichtig. Was war so schlimm?

Es geht um die Identitätspolitik der AfD. Dazu muss man sich zunächst die Entstehungsgeschichte der Partei vergegenwärtigen: Früher entstanden Parteien, weil sie in bestimmten Milieus verwurzelt waren – die Sozialdemokratie in der Arbeiterschaft, die CDU im christlichen Milieu, die Grünen in der Umweltbewegung. Man war durch ein Gemeinschaftsgefühl verbunden, bei der SPD etwa durch die Arbeiteridentität. Soziale und kirchliche Milieus gibt es so heute aber kaum noch. Die Frage war daher, wie die AfD sich so schnell gesellschaftlich verankern konnte, ohne einem bestimmten Milieu zu entspringen.

Auch sie hat ein „Wir“ geschaffen, aber vor allem, indem sie „die Anderen“ definierte.

Genau, die AfD schafft eine Identität vor allem durch Aus- und Abgrenzung. Wichtige Kategorien sind dabei Ethnie und Herkunft. Migranten und Menschen aus einem anderen Kulturkreis gehören nicht zum „Wir“. Die Partei nimmt aber auch eine Einteilung in kulturelle Insider und Outsider bei nicht eingewanderten Menschen vor. Ausgeschlossen werden auch Menschen, die nicht den Lebensstil der AfD pflegen. Nach der Vorstellung der AfD gehören beispielsweise Diesel, Fleischkonsum und das Ablehnen des Genderns zu einem „vermeintlich kulturtypischen deutschen Lebensstil“. In ihrer Facebook-Kommunikation konstruiert sie permanent diese kollektive Identität.

Das macht die „Bild“-Zeitung ganz ähnlich, wenn sie gegen Veggie-Day, Tempolimit und einen angeblichen Gender-Wahnsinn wettert. Teile der Union machen da auch mit.

In der Tat. Ernährung, Mobilität und Sprachgewohnheiten werden zu einem kulturtypischen Lebensstil erhoben. Diese Lebensweise ist unter Druck geraten. Es gibt nicht nur einen Kostendruck durch die Inflation, sondern auch einen Veränderungsdruck wegen des Klimaschutzes. Das Identitätsangebot der AfD soll die Menschen von Veränderung entlasten. Weil es hierbei um Fragen von Lebensstil und Gewohnheiten geht, übersetzt die AfD eine persönliche Identität in eine politische Identität. Und anders als Parteien aus dem Mitte-Rechts-Spektrum leugnet die AfD den Klimawandel und die Notwendigkeit von Veränderungen. Sie suggeriert, dass alles einfach so weitergehen könnte.

Kritiker werfen der AfD vor, am Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke mitverantwortlich zu sein. Politiker machten immer wieder Stimmung gegen ihn. Wie viel Hass und Hetze steckt in den Facebook-Posts?

Menschen, die aus einem anderen Herkunftsland kommen, oder eine andere Ethnie haben, werden von der AfD als Bedrohung für die Sicherheit der Menschen hierzulande und für den Fortbestand der deutschen Kultur stigmatisiert. Allzu oft suggeriert sie, dass sich die Deutschen wehren müssten. Es gibt keine direkten Aufrufe zur Gewalt, aber durchaus indirekte. Wenn Menschen zu Attentätern wurden wie etwa beim Anschlag von Halle, haben wir immer wieder Anknüpfungspunkte zu Narrativen der AfD gesehen. Eine der beliebtesten Verschwörungserzählungen handelt von einem angeblichen Bevölkerungsaustausch. Demnach soll das deutsche Volk durch Migranten ausgetauscht werden. Das findet man nicht nur bei Rechtsterroristen, sondern auch bei der AfD.

Die Partei ist im Lauf der Zeit immer weiter nach rechts gerückt. Ist die AfD eine rechtsextreme Partei?

Der Verfassungsschutz bezeichnet und beobachtet die AfD als rechtsextremen Verdachtsfall. Ich beschreibe die Partei als rechtspopulistisch, wie es in der Politikwissenschaft trotz der Radikalisierung üblich ist. Denn Rechtspopulismus wird dabei als Brücke zum Extremismus verstanden. Der Begriff rechtspopulistisch, auch wenn er für manche verharmlosend klingen mag, beinhaltet also auch rechtsextreme Haltungen.

Ist es nicht komisch, dass gerade die Partei der alten, weißen Männer im Internet so gut agiert?

Das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Selbstverständlich stehen Politiker wie Alexander Gauland und Ex-Parteichef Jörg Meuthen nicht für einen digitalen Kommunikationsstil. Aber soziale Medien sind schon längst keine Sache der Jugend mehr. Facebook etwa wird am intensivsten von Menschen genutzt, die zwischen 30 und 50 sind. Diese Altersgruppe ist eine Kernwählergruppe der AfD. Instagram spielt für die Partei eine deutlich geringere Rolle.

Was kann man aus Ihrer Arbeit für den Umgang mit der AfD lernen?

Alle Demokraten sollten dem ausgrenzenden Wir der AfD ein demokratisches und tolerantes Wir entgegensetzen. In ihren digitalen Kommunikationskanälen können die anderen Parteien noch besser werden. Wir dürfen den digitalen Raum nicht den extremistischen Kräften überlassen. Man erreicht die Menschen nicht nur mit Wut und Angst, sondern auch, indem man Werte anspricht. Das wäre eine positive Nutzung einer Kommunikation, die Emotionen nicht außen vorlässt. (Matthias Lohr)

Johannes Hilljes Doktorarbeit ist unter den Titel „Das Wir der AfD - Kommunikation und kollektive Identität im Rechtspopulismus“ im Campus-verlag erschienen.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion