Aram Ziai im Interview

Politik-Professor der Uni Kassel: Die AfD gefährdet die Wissenschaftsfreiheit

Wissenschaftsfreiheit an Uni und Schulen: Die AfD steht dieser im Wege findet der Kasseler Politik-Professor Aram Ziai. (Symbolbild)
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Wissenschaftsfreiheit an Uni und Schulen: Die AfD steht dieser im Wege findet der Kasseler Politik-Professor Aram Ziai. (Symbolbild)

Aram Ziai sieht durch die AfD Wissenschaftsfreiheit an Uni und Schule bedroht. Deshalb unterzeichnete sein Fachgebiet einen Brief gegen akademischen Autoritarismus.

Kassel – Konservative und Rechtspopulisten wie die AfD würden die Wissenschaftsfreiheit an den Universitäten gefährden, klagt der Kasseler Politik-Professor Aram Ziai. Auch an Schulen sieht er Probleme.

Das Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien der Universität Kassel hat einen Offenen Brief des europäischen Forschungsnetzwerks COST mitunterzeichnet, der vor einem zunehmenden akademischen Autoritarismus warnt. Nicht nur in Frankreich würden antirassistische Wissenschaftler eingeschüchtert, bedroht und in ihrer wissenschaftlichen Freiheit eingeschränkt. Darüber sprachen wir mit dem Kasseler Politik-Professor Aram Ziai (48).

Wie macht sich der akademische Autoritarismus im Alltag bemerkbar?
An den Universitäten in Frankreich und Großbritannien gibt es schon eine beginnende Selbstzensur. Dies gilt etwa für Forscher, die aus dekolonialer und feministischer Sicht althergebrachte Ansätze der Wissenschaft infrage stellen. In diesen Ländern ist die Debatte schon weit fortgeschritten. Sie kommt nun auch in Deutschland an.
Es heißt, konservative und rechtspopulistische Kreise würden Ihre Arbeit denunzieren. Wer steckt hinter diesen Angriffen?
Die Arbeit feministischer und dekolonialer Wissenschaftler wird hierzulande von zwei Seiten kritisiert. Da gibt es zum einen das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, das 70 Forscher im vorigen Jahr gegründet haben. Sie wollen Freiheiten gegen eine angebliche Cancel Culture verteidigen, also den Ausschluss von Personen oder Organisationen, denen etwa rassistische oder sexistische Aussagen vorgeworfen werden. So kritisieren sie Aktivitäten studentischer Initiativen gegen rechte Dozenten. Diese Proteste kann man aber nicht ernsthaft als Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit ansehen. Zum anderen gibt es die AfD.
Als Beispiele für eine übertriebene Political Correctness und moralische Diskreditierung, die das Wissenschaftsnetzwerk kritisiert, werden oft Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke angeführt, die Studenten in Hamburg immer wieder gestört hatten.
Der Fall Lucke ist kein gelungenes Beispiel für eine antirassistische Störaktion. Zumal er selbst wohl alles andere als glücklich darüber ist, was aus seiner AfD geworden ist. Lucke hatte eine konservative und EU-kritische Partei gegründet. Heute ist sie für den Verfassungsschutz ein rechtsextremer Verdachtsfall. Die Wissenschaftsfreiheit ist jedoch nicht gefährdet, weil sich Studenten gegen rechtsradikales und rassistisches Gedankengut wenden. Die Wissenschaftsfreiheit ist etwa in Polen und Ungarn in Gefahr, wo rechte Regierungen teilweise massiv Einfluss auf die Universitäten nehmen, um politisch unliebsame Inhalte zu unterbinden. In Deutschland hingegen hinterfragen kritische Stimmen althergebrachte Inhalte. Studenten gehen dann eben gegen fragwürdige Thesen von konservativen Wissenschaftlern an.
Auch Sie versuchen, Wissenschaft aus einer anderen Perspektive zu betreiben. Welche althergebrachten Inhalte müssen hinterfragt werden?
In der Politischen Theorie oder Philosophie geht es fast ausschließlich um europäische und nordamerikanische Theorien. Texte, die nicht aus Europa oder Nordamerika stammen, werden oft ignoriert, ebenso weibliche Wissenschaftler. Dieser Eurozentrismus muss sich ändern und wird zurecht infrage gestellt. Das Anliegen von postkolonialen Studien ist es, auch die Wissenschaftsproduktion außerhalb Europas zu würdigen. Es geht auch um ein kritisches Bild der eigenen Geschichte. Vor allem in Großbritannien heißt es jedoch etwa von Tory-Politikern, die Geschichte solle durch Zensur und stalinistische Methoden umgeschrieben werden.
Dieser Konflikt findet auch außerhalb der Universitäten statt – etwa bei der Frage, ob rassistisch belastete Straßennamen nicht geändert werden sollten.
Hier ist die AfD sehr aktiv. Die Partei hat vehement gegen die Umbenennung von Straßen Position bezogen, die nach Kolonialverbrechern benannt sind. Sie ist auch dezidiert dagegen, den deutschen Kolonialismus als Unrechtsregime zu bezeichnen. Das müsse man „differenziert betrachten“. Aber eine rassistische begründete Herrschaft über andere Völker ist schlicht nicht vereinbar mit der Vorstellung gleicher Rechte unabhängig von Hautfarben. Auch im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung gab es viel Gegenwehr gegen die Proteste. Viele Leute wehren sich gegen die Anerkennung der Existenz von Rassismus – mutmaßlich aus Angst, Privilegien abgeben zu müssen.
Wie ist es an Schulen?
Ich habe mit meiner Kollegin Elina Marmer eine Analyse von Hamburger Schulbüchern vorgenommen. Dabei sind wir zu erschreckenden Ergebnissen gekommen. Koloniale Gewalt wurde oft ausgeblendet. Stattdessen wurden Errungenschaften wie der Bau von Eisenbahnstrecken und Krankenhäusern herausgestellt. Obwohl diese oft mit einheimischer Zwangsarbeit gebaut wurden und primär der Kolonialherrschaft dienten. Es klingt ein bisschen so, als würde man über die nationalsozialistische Herrschaft sagen, wegen der Autobahnen und der geringeren Arbeitslosigkeit sei nicht alles schlecht gewesen. Als ob der Bau von Straßen und Schienen Unterdrückung und Völkermord rechtfertigen würde.
Laut Umfragen hat eine Mehrheit der Deutschen das Gefühl, nicht mehr alles sagen zu dürfen.
Es gibt ein Recht auf Meinungsfreiheit, aber Kritik üben ist noch keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Rechte von Sarrazin bis Höcke behaupten dauernd, angeblich „nicht alles sagen zu dürfen“ – und zwar in einer öffentlichen Debatte, die ihnen und dem, was sie durchaus sagen, beträchtlichen Raum gibt. Und wer unbedingt das N-Wort sagen will, weil es ja schließlich nicht verboten ist, der muss sich fragen lassen, warum er andere mit Begriffen bezeichnen will, die diese als zutiefst verletzend empfinden.

(Matthias Lohr)

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