Prozess um Beziehungsdrama am Jungfernkopf: Staatsanwältin fordert zehn Jahre Haft für 55-Jährigen

Tat im Affekt oder Mordversuch ?

Gibt Rätsel auf: Die Motive des 55-jährigen Angeklagten liegen im Dunkeln. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Im Prozess um das blutige Beziehungsdrama am Jungfernkopf liegt das Motiv des 55-jährigen Angeklagten auch nach Ende der Beweisaufnahme im Dunkeln. So sahen es am Montag drei Juristen in ihren Plädoyers - und so sah es der psychiatrische Gutachter.

„Das Warum ist auch die Frage, die meine Mandantin beschäftigt hat – von der sie gehofft hat, hier etwas zu erfahren“, betonte Nebenklagevertreter Bernd Pfläging. Der Angeklagte aber habe den Eindruck erweckt, als übernehme er keine Verantwortung, als sei „ein Unglück über ihn hereingebrochen“. Lediglich indem er eine Forderung auf 15 000 Euro Schmerzensgeld akzeptiert habe, habe er ein anderes Signal gesetzt.

Pfläging forderte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes. Der 55-Jährige habe heimtückisch gehandelt. Dass seine Tat missglückt sei, sei „purer Zufall“. Staatsanwältin Maren Herwig hatte zuvor - abweichend vom ursprünglichen Anklagevorwurf - auf versuchten Totschlag plädiert und zehn Jahre Haft gefordert.

Zwar sei die Nebenklägerin arg und wehrlos gewesen, als der Angeklagte nach einem Kaffee bei ihr im dunklen Hausflur seine Attacke begann, sagte sie: „Es gab keinen Streit – sie konnte nichts ahnen.“ Der 55-Jährige habe das auch ausgenutzt. Und doch habe sich die Situation insgesamt „sehr spontan“ entwickelt. Eine längere Tatplanung lasse sich nicht belegen.

Gutachter Dr. Georg Stolpmann hatte zuvor erläutert, der Angeklagte definiere sich über seine Beziehungen. Er sei stets übergangslos von einer in die nächste gewechselt. Über die Trennung von der Nebenklägerin habe er gesagt: „Ich bin von ihr weg und hatte niemanden.“

Aggressionen aus dieser Erfahrung habe der 55-Jährige gegen sich selbst richten wollen und seinen Suizid vorbereitet – das habe sich dann noch einmal umgekehrt: Die gesamte destruktive Energie, die sich gegen die eigene Person richten sollte, habe sich gegen die Frau gewendet. Stolpmann hielt den 55-Jährigen für voll schuldfähig.

Verteidiger Marcus Mauermann plädierte auf eine Strafe von maximal acht Jahren wegen versuchten Totschlags. Mögliche Überlegungen, sein Mandant könne geplant haben, die Nebenklägerin in den Suizid „mitzunehmen“, wies er zurück. Hätte dieser geplant, die Ex-Partnerin zu töten, hätte er Gelegenheit gehabt, sich anders zu bewaffnen als mit einem Paketscanner und einem kleinen Cuttermesser, war eines der Argumente.

Der Angeklagte selbst verlas zuletzt eine Entschuldigung an die Nebenklägerin und ihre Familie. Ein Urteil wird für Donnerstag erwartet.

Von Katja Schmidt

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