Er weiß nicht, wie er sich angesteckt hat

Welt-Aids-Tag: So lebt ein Kasseler mit dem HI-Virus

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Weltweit genutzt: Unser Symbolfoto zeigt eine Rote Schleife, die ein Symbol für Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken darstellt.

Amanuel aus Kassel ist einer von mehr als 86.000 Deutschen, die HIV-positiv sind. Anlässlich des heutigen Welt-Aids-Tags erzählt er hier, wie es ist, wenn einen Ärzte aus Angst nicht behandeln wollen.

Wenn Amanuel über sein Leben mit HIV erzählt, dann berichtet er von Zahnärzten, die sich zum Schutz bei einer Untersuchung drei paar Handschuhe überstülpen, von Krankenschwestern, die sein Zimmer rot markieren, von einer Hautärztin, die ihn nicht behandeln will. „Beim nächsten Mal muss der gar nicht erst wiederkommen“, habe sie zu ihrem Kollegen gesagt. Er spricht davon, dass nur seine Geschwister von seiner Infizierung wissen und wie Freundschaften daran zerbrachen.

Amanuel möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, auch heißt er gar nicht so. Amanuel ist weder homosexuell noch drogenabhängig, noch hatte er ungeschützten Sex. Trotzdem ist er HIV-positiv, wie rund 86 100 Männer und Frauen in Deutschland.

Wie genau er sich mit dem Virus angesteckt hat, weiß er nicht. Der aus Afrika stammende Kasseler hat lediglich eine Vermutung. Anfang der 2000er-Jahre muss es gewesen sein, bei einem Arzt in Äthiopien, wo Spritzen mehrfach verwertet und bloß in kochendes Wasser gelegt werden. 

Der Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Als er von seiner Infizierung erfährt, ist er bereits in Deutschland. Die Diagnose: ein Zufall. Als er wegen seiner Gelenkschmerzen nach dem Fußball zum Arzt geht und dieser nichts findet, wird er ungefragt auf HIV getestet. Das Ergebnis: positiv. Doch habe ihn sein Arzt nicht aufgeklärt, was HIV ist, und zum nächsten Arzt geschickt, erzählt er heute. Auch dieser habe ihn überwiesen. Bei dem dritten Arzt bekommt er schließlich Medikamente.

Der Fehler: Der Arzt, ein Spezialist im Bereich HIV und Aids, habe gedacht, dass Amanuel bereits über seine Infizierung aufgeklärt worden sei. Auch er habe ihn deshalb nicht informiert. „Ich wusste aber nicht, was HIV ist“, sagt Amanuel, „ich kannte nur AIDS. Deshalb habe ich meine Tabletten ein halbes Jahr lang nicht genommen.“ Erst, als er umkippt und sich eine Lungenentzündung in seinem Körper ausbreitet, landet er im Krankenhaus. Bei Amanuel bricht Aids aus, seine T-Helferzellen sind wenig, sein Körper schwach. Ein halbes Jahr soll er im Krankenhaus verbringen. „Ich dachte, dass ich sterbe“, sagt er.

Ammanuel nimmt fast die Hälfte ab

Amanuel, der eigentlich 83 Kilogramm wiegt, bringt in dieser Zeit nur noch 48 auf die Waage. Heute, fast 15 Jahre später, hat sich sein Gewicht auf 60 Kilogramm eingependelt. „Das Abnehmen war für mich sehr traumatisch“, sagt er. Doch dann schlägt die Behandlung im Krankenhaus an, Amanuel nimmt Tabletten, erholt sich von seiner Krankheit. Später habe ihn sein Arzt dann aufgeklärt: „Er hatte ein großes Schuldgefühl, dass er dachte, dass ich schon informiert worden sei.“ Als Amanuel begreift, was seine Infektion bedeutet, hat er zwei Gefühle: „Ich hatte Angst zu sterben und war wütend, dass ich nicht direkt informiert wurde. Aber ich war auch besonders froh, in Deutschland zu leben, wo eine gute medizinische Versorgung möglich ist.“

Seitdem lebt er mit dem Virus, ist körperlich und auch bei seiner Arbeit nicht dadurch eingeschränkt. Das liegt an den Tabletten, die er täglich nimmt. Zwei sind es an der Zahl.

Er habe sich durch die Diagnose verändert, erzählt Amanuel. Früher sei er offen gewesen, habe viele Kontakte gehabt. Heute lebe er in sich gekehrt. Es habe lange gedauert, bis er seinen zwei großen Geschwistern von seiner Infektion erzählt habe: „In meinem Heimatland wird HIV als Fluch Gottes gesehen, obwohl fast jede Familie irgendwie davon betroffen ist.“ Während seine Geschwister ihn ermuntert hätten, hätten ihn seine alten Freunde beschimpft. Sie sind die einzigen Menschen, denen er von dem Virus erzählt hat.

Aids-Hilfe: ambulante Betreuung

Einige Beziehungen habe er nach der Diagnose gehabt, aber nur kurze. Zu groß die Angst vor der Scham bei einer Offenbarung: „Ich habe gelernt, Menschen freundlich von mir wegzuschieben.“

Seit einigen Jahren nutzt Amanuel die ambulante Betreuung der Aids-Hilfe. Dort findet er Gespräche, Beratung bei Behördengängen und Finanzen. „Ich habe hier gute Freunde gefunden. Sie sind wie eine Familie für mich.“ In der Zukunft wünscht sich Amanuel ein Leben mit vielen Freunden, eine Frau zu finden, und eine Familie zu gründen und. Durch Medikamente ist Letzteres möglich: „Allerdings muss ich erst einmal selbst mit mir klar kommen.“

Angst, an HIV zu sterben, hat er nicht: „Wann ich sterbe ist die Sache von Gott und es wird sicherlich nicht wegen dieser Krankheit passieren.“

Das ist Aids

Das Humane Immundeifizienz-Virus (HIV) ist ein Virus, dass das Immunsystem der Infizierten schädigt. Es lässt sich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, verunreinigte Spritzennadeln, direkten Blut-zu-Blut-Kontakt, aber auch durch die Muttermilch übertragen. Ist das Immunsystem durch den Virus so stark geschwächt, dass sich Erreger wie Viren, Bakterien und Pilze lebensbedrohlich ausbreiten können, spricht man von einer Aids-Erkrankung. 

Die aktuellen Medikamente können bei regelmäßiger Einnahme und regelgerechter Wirkung den Ausbruch von Aids verhindern und dazu führen, dass sich die HI-Viren im Blut unter der Nachweisgrenze befinden. Infizierte tragen die Viren also noch in sich, sind aber nicht mehr ansteckend.

HIV in Zahlen

Ende des Jahres 2017 lebten etwa 86 100 Menschen mit einer HIV-Infektion in Deutschland. Das besagen die aktuellen Schätzungen des Robert Koch-Instituts. Zudem hätten sich im 2017 rund 2 700 Menschen in Deutschland mit HIV infiziert. 2016 wurden 2 900 Neuinfektionen geschätzt.

Einen deutlichen Rückgang gab es bei Männern, die Sex mit Männern haben. Während sich 2013 2 300 Männer mit dem Virus infizierten, waren es 2017 rund 1 700 Männer. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass in Deutschland 11 400 Menschen HIV positiv sind, die es nicht wissen.

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