Gericht kritisiert Ermittlungspannen

Zuhälter und Gehilfin verurteilt: „Akt der Versklavung“

Zwangsprostitution: Das Landgericht Kassel hat am Montag einen 31-jährigen Zuhälter zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Unser Symbolbild aus dem Rotlichtmilieu entstand in Köln. Archivfoto: Oliver Berg/nh

kassel. Von einem „Akt der Versklavung“ sprach Richter Jürgen Stanoschek am Montag, als er die Urteile gegen einen 31-jährigen Zuhälter und dessen 27-jährige Gehilfin verkündete.

Die 5. Kammer des Landgerichts sah es am Ende eines langwierigen Prozesses als erwiesen an, dass der 31-Jährige von zwei Prostituierten aus Bulgarien den Großteil ihrer Einnahmen kassiert und beide misshandelt hat, damit sie weiter für ihn arbeiten.

Schmerzensgeld für die Opfer

Sie verurteilte den 31-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren. Er muss zudem jeweils 5000 und 1000 Schmerzensgeld an die beiden misshandelten Frauen zahlen. Seine Gehilfin, die während des Prozesses in ihre Heimat Rumänien verschwand, kam mit einer Bewährungsstrafe von einem halben Jahr davon. Die Körperverletzung hatte der Angeklagte gestanden, dass er die Frauen ausgebeutet hat, bestritt er hingegen. Seine Komplizin und ehemalige Geliebte hatte eingeräumt, in seinem Auftrag das Geld der Frauen eingesammelt zu haben. Als Motiv gab sie an, das Paar habe „Startkapital“ für eine gemeinsame Zukunft benötigt.

Die Anklage war von vier Fällen der ausbeuterischen Zuhälterei ausgegangen, in zwei Fällen wurde der bisher nicht vorbestrafte 31-Jährige jedoch freigesprochen. In den beiden anderen sah Richter Stanoschek am Ende die Vorwürfe als erwiesen an. Der 31-Jährige habe sich ein „Wirtschaftsmodell“ aufgebaut, er habe „mit den Körpern junger Frauen Geld verdienen wollen“.

Prügel nach Fluchtversuch

Sie mussten an ihn nicht nur Miete für die Zimmer in einem Haus an der Schützenstraße zahlen, sondern auch noch den Großteil des Dirnenlohns abliefern. Einige Male gestand er ihnen zu, Geld nach Hause zu überweisen. Eine der beiden wollte zurück in die Heimat, das redete der 31-Jährige ihr mit der Begründung aus, sie habe angeblich ein Darlehen bei ihm, das sie abarbeiten müsse. Die andere Frau floh zweimal aus dem Bordell, nach der zweiten Flucht wurde sie von dem Angeklagten und einem Geschäftsfreund vor den Augen anderer Prostituierter heftig verprügelt.

Die beiden Verteidiger Knuth Pfeiffer und Axel Dohmann, die Freisprüche und im Falle des 31-Jährigen eine Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung verlangten, hatten erhebliche Ermittlungsfehler kritisiert. Pfeiffer attestierte den Ermittlern „nicht nachvollziehbare Hektik und Oberflächlichkeit“, er verwies unter anderem auf einen „eklatanten Verfahrensfehler“: Zur Vernehmung einer Belastungszeugin durch den Ermittlungsrichter war er nicht geladen worden.

Auch Richter Stanoschek griff diesen „erheblichen Rechtsfehler“ auf. Dieses Versäumnis habe dazu geführt, dass das Protokoll der richterlichen Vernehmung dieser Zeugin nicht in der Verhandlung verlesen werden konnte. Die Staatsanwaltschaft, so die Kritik des Vorsitzenden Richters, habe in diesem Verfahren „das eine oder andere besser machen können“. Gleichwohl folgte die 5. Kammer in ihrem Urteil weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Von Ralf Pasch

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