Aktivisten vom Radentscheid geht es zu langsam

Ausbau Radverkehr: Kassel sieht sich auf gutem Weg, Kritiker widersprechen

Neueste Verbesserung für Radfahrer: Auf der Kohlenstraße ist im Abschnitt zwischen Am Heimbach und Bertha-von-Suttner-Straße ein Radfahrstreifen entstanden.
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Neueste Verbesserung für Radfahrer: Auf der Kohlenstraße ist im Abschnitt zwischen Am Heimbach und Bertha-von-Suttner-Straße ein Radfahrstreifen entstanden.

Die Stadt Kassel hat sich zum Ziel gesetzt, den Radverkehr zu stärken. Doch was hat sich seit dem Beschluss der Stadtverordneten im Herbst 2019 getan?

Kassel – 66 Millionen Euro schwer ist das Investitionspaket, mit dem der Radverkehr in den nächsten fünf Jahren vorangebracht werden soll. Eine erste Zwischenbilanz hat nun die Stadt mit einem Bericht abgeliefert, der jährlich die Fortschritte skizzieren soll. Während sich der Magistrat auf einem guten Weg sieht, kommt Kritik von der Initiative Radentscheid.

Das Fazit der Stadt

Die Stadtverordneten hatten den Magistrat aufgefordert, bei seinen Planungen eine Trennung der Verkehrsarten zur Maßgabe zu machen. So sollen Unfallrisiken minimiert werden. Die Umsetzung soll durch Radfahrstreifen auf Fahrbahnen und baulich getrennte Radwege realisiert werden.

Wegen Konflikten – etwa dem Bedarf an Parkflächen für Autos in Wohnstraßen oder einem hohen Umbauaufwand – sei dies aber nicht überall problemlos möglich, heißt es in dem Bericht. Es müssten „gute Kompromisse“ gefunden werden. Leider sei es noch nicht gelungen, die Freigabe von Bürgersteigen an Hauptstraßen für Radfahrer überall aufzuheben. Dafür müssten zunächst Radanlagen als Alternativen geschaffen werden.

Baulich getrennte Radwege seien an Straßen wie der Königinhofstraße – wo ein Gegenrichtungsradweg entstehen soll – aufgrund der Platzverhältnisse möglich. Anders sei dies bei den Projekten Bürgermeister-Brunner-Straße, Friedrich-Ebert-Straße, Kohlenstraße oder Konrad-Adenauer-Straße. Dort sei nur mit hohem Aufwand eine Trennung denkbar.

Das gesetzte Ziel, jedes Jahr fünf Kilometer neue Radwege an Hauptstraßen zu planen, sieht die Stadt erfüllt. Sie kommt in ihrer Bilanz auf 4,9 Kilometer im vergangenen Jahr. Dazu zählen die Radstreifen an der Druseltalstraße und der Kohlenstraße sowie die Pläne für die Friedrich-Ebert-Straße (Annastraße bis Friedenskirche), den Bereich Damaschkebrücke, die Schenkebier Stanne und die Raddirektverbindung Kassel-Vellmar. Im Nebenstraßennetz sieht die Stadt Erfolge durch die Schaffung der Fahrradstraßen Goethestraße, Fiedlerstraße und Schillerstraße.

Zudem seien 2020 im Umfeld von sechs Schulen und Kitas bauliche Maßnahmen für mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer umgesetzt worden. Von den 66 Millionen Euro, die investiert werden sollen, habe die Stadt bereits 2020 knapp 40 Millionen Euro im Haushalt abgesichert. So seien in den nächsten Jahren bis Ende 2023 nur noch knapp sieben Millionen Euro jährlich zu finanzieren.

Die Kritik

Die Initiative Radentscheid nennt die Vorlage des Jahresberichtes begrüßenswert. Doch verschleiere der Bericht wesentliche Konflikte, sagt Sprecher Thomas Hofmann. Es zeige sich, dass Verkehrsdezernent Stochla (SPD) die Radverkehrsförderung nur „unmotiviert“ angehe.

Wenn es etwa um die Umsetzung von Radverkehrsanlagen an Hauptstraßen gehe, werde weiter der fließende Autoverkehr bevorzugt. Dies sorge für eine unzureichende Umsetzung von Radwegen. Die Probleme entstünden keinesfalls allein durch den Bedarf an Stellplätzen für Autos. Immer dann, wenn der fließende Autoverkehr zugunsten der Radfahrer eingeschränkt werden müsste, favorisiere Stochlas Behörde die gemeinsame Führung von Radfahrern und Fußgängern. Dies zeige sich bei den Plänen für den Katzensprung und die Königinhofstraße. Dort seien Mischflächen vorgesehen. Die Führung von Radfahrern auf Bürgersteigen sei ein großes Problem.

„Von einem echten Willen zur Trennung der Verkehrsarten ist in Kassel noch nichts zu sehen, auch wenn der Bericht des Magistrats das zu suggerieren versucht“, so Hofmann. Auch bei der Umsetzung weiterer Ziele hinke die Stadt hinterher. Geplant war der Bau von 1800 Radabstellplätzen bis 2022. Davon wurden 2020 nur 210 realisiert.

Auch die angekündigte Kampagne zur Förderung des Radverkehrs vermissen die Aktivisten. Diese soll nun laut Stadt 2021 kommen.

Weiterer Kritikpunkt ist der Stellenaufbau für den Ausbau des Radverkehrs. Statt drei Stellen (2019), waren Ende 2020 zwar immerhin 5,5 Mitarbeiter für den Radverkehr im Rathaus zuständig. Eine Stelle war aber unbesetzt. (Bastian Ludwig)

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