Studienergebnisse

Alarmierend: Viele Menschen bringen gefährliche Keime mit ins Krankenhaus

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Marienkrankenhaus Kassel: Jährlich über 8000 Patienten werden auf dem Rothenberg in Rothenditmold stationär behandelt. Die Klinik mit 350 Mitarbeitern gehört zu St. Vinzenz, der größten katholischen Krankenhausgruppe in Hessen.

Kassel. Seit September 2015 werden im Marienkrankenhaus alle Patienten auf gefährliche multiresistente Keime untersucht. Die Ergebnisse der Studie sind alarmierend.

Fast doppelt soviele Menschen wie bisher bekannt kommen mit den Erregern in die Klinik. Und durch Standard-Untersuchungen wären zehn Prozent der Träger der gefährlichen Keime gar nicht entdeckt worden. Wir beantworten Fragen zur Keimgefahr im Krankenhaus:

Wozu dienen die Untersuchungen auf multiresistente Keime?

Sie sollen das Risiko verringern, dass kranke oder frischoperierte Menschen damit infiziert werden. Das kann lebensgefährlich sein, weil multiresistente Keime nicht mehr auf gängige Antibiotika reagieren. Das Bundesgesundheitsministerium geht von jährlich bis zu 600 000 Patienten aus, die durch medizinische Behandlungen in Deutschland Infektionen bekommen – und von bis zu 15 000 Toten durch die gefährlichen Keime.

Sind solche Keime denn für alle Menschen gefährlich?

Nein, das Immunsystem eines gesunden Menschen sorgt dafür, dass solche Erreger keine Probleme machen. Gefährlich wird es aber, wenn geschwächte, alte oder kranke Menschen sich damit infizieren oder wenn die Keime in frische Operationswunden gelangen. Das kann im schlimmsten Fall tödlich enden, weil keine Antibiotika mehr helfen.

Wie sieht die Untersuchung auf solche Keime aus, wenn ich als Patient ins Krankenhaus muss?

Das ist lediglich ein Nasen- und Rachenabstrich mit einem Wattestäbchen, bei Intensivpatienten ein Rektalabstrich. Kurze Zeit danach steht fest, ob man Träger multiresistenter Erreger ist.

Und was passiert danach mit mir, wenn ich solche Keime habe?

Patienten, die schon im Krankenhaus sind, werden isoliert. Dann wird etwas gegen die Erreger getan. Das gilt auch, wenn die Keime bei einer Voruntersuchung vor der Aufnahme ins Krankenhaus entdeckt werden. Dann muss eine geplante Operation möglicherweise verschoben werden.

Was muss ich denn machen, damit ich diese Keime wieder loswerde?

Neben der Einnahme von speziellen Antibiotika muss der Körper mehrere Tage mit antiseptischen Tüchern gereinigt werden. Patienten bekommen eine Lösung zum Gurgeln, Nasensalbe und ein spezielles Haarshampoo. Auch Brillen, Prothesen, Kleidung und persönliche Gegenstände müssen desinfiziert werden. Die Zahnbürste kann man zum Beispiel zur Reinigung und Desinfektion mit in die Geschirrspülmaschine geben, rät Ruth Dallig, Hygienefachkraft im Marienkrankenhaus.

Was hat man denn bei den Untersuchungen im Marienkrankenhaus festgestellt?

Von 9237 untersuchten Patienten im Jahr 2016 hatten 149 multiresistente Keime. Davon wären 14 durch das Standardverfahren gar nicht erfasst worden. Diese Zahl scheint klein, bedeutet aber bei 19,8 Millionen Krankenhauspatienten pro Jahr in Deutschland, dass rund 30 000 Patienten jährlich unerkannt solche Erreger in die Kliniken einschleppen. „Das sollte zum Nachdenken anregen“, sagt Dr. Andreas Bastian, Chefarzt der Pneumologie im Marienkrankenhaus.

Warum wird denn nur im Marienkrankenhaus jeder Patient untersucht?

Weil das Geld kostet und alle Kliniken Kosten verringern müssen, um über die Runden zu kommen. Annähernd 250 000 Euro pro Jahr lässt sich das Marienkrankenhaus das Untersuchungs-Programm auf die gefährlichen Keime kosten. Dass sich das Marienkrankenhaus trotz dieser Summe dafür entschieden hat, begründet Geschäftsführer Michael Schmidt so: „Maximal mögliche Patientensicherheit zu gewährleisten, ist uns ein zentrales Anliegen.“

Was machen die anderen Kliniken in der Region?

Sie testen nur Risikopatienten. Das sind sehr kranke Menschen mit geschwächtem Immunsystem, aber auch Pflegebedürftige, Patienten nach Antibiotikatherapien oder Mitarbeiter in Schweinemastbetrieben. Bis zu 50 Prozent der Mastschweine sind laut Studien von mehrfach resistenten Keimen befallen.

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