Projekte in Kassel

Architekt Alexander Reichel über die veränderten Anforderungen an Immobilien

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Anbau nach historischem Vorbild: Architekt Alexander Reichel hat das Wohnhaus in der Stephanstraße in Bad Wilhelmshöhe so gestaltet, dass die ursprüngliche Atmosphäre wieder spürbar wird.

Kassel. Wie haben sich die Ansprüche an Wohnraum in den vergangenen Jahren verändert? Wir haben über das Thema mit Architekt Alexander Reichel gesprochen.

„Architektur bleibt“: Unter diesem Motto haben am Wochenende Bauherren und ihre Architekten Einblicke in beispielhafte architektonische Projekte in Kassel gegeben. Darunter ein Haus, das 1900 an der Stephanstraße gebaut wurde. Es wurde 2017 nach einem Entwurf von Architekt Alexander Reichel saniert. Wir haben mit Reichel über die veränderten Anforderungen an Wohnraum und aktuelle Themen in der Branche gesprochen.

Herr Reichel, was macht das Haus an der Stephanstraße mit Blick auf Sanierungen und Umbauten zu etwas Besonderem?

Alexander Reichel: Das Spannende an dieser Immobilie ist, dass das Haus vor dem Umbau kaum noch Wohnqualität hatte. Über mehrere Jahrzehnte ist immer irgendwo gebaut oder angebaut worden. Die Grundstruktur war nicht mehr erlebbar. Zusammen mit der Denkmalpflege wollten wir dem Haus seine ursprüngliche Atmosphäre zurückgeben. Eine weitere Herausforderung war, das Haus zu erweitern, damit es für die heutigen Anforderungen genutzt werden kann. Dafür ist analog zum Stil des alten Hauses ein neuer Anbau gestaltet worden.

Wenn es um den Umbau von Häusern geht, liegt der Fokus dann oft auf der Erweiterung des Wohnraums?

Reichel: Das hängt immer von den Anforderungen ab. Aber in vielen Fällen entsprechen historische Wohnräume nicht mehr den Funktionen, wie sie heute gebraucht werden. Früher war die Größe von Küche und Bad weniger bedeutend. An dieser Stelle muss der Architekt dann vielfach in Struktur und Haustechnik eingreifen. Das fängt mit ganz einfachen Dingen an wie beispielsweise der Schaltbarkeit von Leuchten.

Auch in einem Altbau besteht der Wunsch, moderne Haustechnik über ein Smartphone zu steuern. Allerdings ist aus meiner Sicht bei einem Altbau die Kunst des Planens, mit Beschränkungen umgehen zu können und den Altbau daraufhin zu prüfen wie seine Struktur flexibel umgenutzt werden kann.

Umbauten sind häufig Ausbauten. Brauchen Menschen heute mehr Platz als früher?

Reichel: Es ist tatsächlich so. Ein Beispiel: Während noch in den 1960er-Jahren zwanzig Quadratmeter pro Bewohner in Deutschland gezählt wurden, sind es heute bereits über vierzig Quadratmeter. Und somit werden neu entstehende Wohnflächen gar nicht wahrgenommen. Daher müssen wir – gerade hinsichtlich des angespannten Wohnungsmarktes – die bestehende gute Bausubstanz weiter erhalten.

Und zeigt sich der Wunsch nach mehr Platz dann auch im Innenraum?

Reichel: Ja, insgesamt macht sich das auch in den Zuschnitten von Wohnungen bemerkbar. Auch hier haben fließende Räumen zugenommen. Das heißt, dass es anders als früher nicht mehr viele kleine abgetrennte Räume gibt, sondern oft ein Raum in den anderen übergeht. Gerade im Wohn- und Essbereich zeigt sich das häufig.

Wer in Kassel plant, in ein Eigenheim zu ziehen, sollte der eher ein Haus kaufen oder neu bauen?

Reichel: Das ist natürlich eine sehr individuelle Entscheidung. Wenn man viel selbst machen will, dann kann man gut in ein bestehendes Haus ziehen. Wer weniger Hand anlegen möchte, sollte vielleicht besser neu bauen lassen. Ein anderer Faktor ist die Lage. Oft hängt die Entscheidung auch davon ab, ob man in dem Stadtteil, in den man ziehen möchte, ein entsprechendes Baugrundstück findet oder eben eine passende Immobilie zum Verkauf steht.

Welche Schwierigkeiten gibt es beim Umbau einer bestehenden Immobilie?

Reichel: Bauen – egal ob bei einer Bestandsimmobilie oder einem Neubau – ist ein Prozess. Daher sollte dieser Prozess durch einen Architekten begleitet werden, der hilft Lösungen zu finden. Viele Entscheidungen können erst im laufenden Prozess getroffen werden, sei es, weil bestehende Wände zunächst nicht den gewünschten Grundriss erlauben, oder sei es, weil die vorgefundene Bausubstanz nicht jedes gewünschte Material zulässt. Diese Beschränkungen sind aber auch eine Chance, wenn man sich darauf einlässt und daraus die individuellen Lösungen entwickelt, die dann den Charme des Hauses ausmachen.

Was macht Wohnobjekte attraktiv?

Reichel: Neben der Architektur ist das die Lage und der Bezug zur Umgebung. Wie bilden die Objekte städtische Räume und wie entstehen die Bezüge nach außen. Gibt es für mich als Nutzer die Möglichkeit eines Balkons, Gartens oder einer Dachterrasse?

Zählen Stadtvillen zu den begehrtesten Wohnobjekten?

Reichel: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Stadtvilla ist an sich ein oft missbrauchter Marketingbegriff für Mehrfamilienhäuser mit wenigen Wohneinheiten, oftmals n einer grünen Umgebung. Das ist einerseits der Reiz, andererseits birgt das die Gefahr der Eintönigkeit und Langeweile in der Typologie. Stehen die Gebäude zu dicht beieinander, verlieren sie schnell ihre Wohnqualität. Wichtig ist die Einbindung in die Umgebung und Nachbarschaf – dies erfordert Augenmaß und eine qualifizierte Planung.

Vor dem Umbau: Die historischen Merkmale des Hauses waren verloren gegangen.

Individuelle Architektur macht Häuser besonders. Aber kann sich das bei den derzeitigen Immobilienpreisen in Kassel überhaupt noch jemand leisten?

Reichel: Individualität muss nicht teuer sein. Ich bin sogar überzeugt, dass eine gute individuelle Planung durch einen Architekten Häuser wirtschaftlicher ermöglicht. Wenn Räume und Funktionen geschickt angeordnet sind, können Sie auf weniger Fläche und damit mit weniger Baukosten, mehr individuellen Nutzen haben. Individuelle Planung ist eine Chance – auch im geförderten Wohnungsbau um diese Qualität auch in der Masse zu erreichen.

Worin genau sehen Sie diese Chance?

Reichel: Der Tag der Architektur zeigt, wie viele individuelle Gebäude mit unterschiedlichen Nutzungen möglich sind. Wenn der Aspekt der architektonischen Qualität, zu der auch eine wirtschaftliche Erstellung zählt, dabei nicht aus dem Blickfeld verloren wird, entstehen die städtischen Räume, die eine Stadt lebenswert sein lassen. Die dazu nötige Vielfalt ist auch in den letzten Jahren in Kassel zu beobachten. Solche Veränderungen werden auch von außen, von Besuchern wahrgenommen, die in die Stadt kommen. Diesen Anspruch und das Ziel, eine Stadt lebenswert zu gestalten sollten wir alle haben. Bauten müssen in den Kontext integriert werden, damit ein Gewinn für alle herauskommt - oder mit dem Zitat eines Kollegen „Erst die Stadt, dann das Haus.“

Alexander Reichel ist 1964 in Frankfurt geboren worden und in Kassel aufgewachsen. Reichel hat Architektur in Darmstadt studiert. Seit 1997 führt er zusammen mit seiner Ehefrau Johanna Reichel-Vossen ein eigenes Architekturbüro in Kassel. Seit 2009 lehrt er als Professor für Architektur an der Hochschule in Darmstadt. Das Ehepaar hat zwei Kinder. In Kassel hat Reichel unter anderem die Erweiterung des Kongresspalais Stadthalle Kassel und die GWG-Häuserzeile an der Markthalle gestaltet und plant zur Zeit den Neubau der Evangelischen Bank am Ständeplatz.

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