Alkohol und Drogen am Lutherplatz: Stadt denkt über einen Trinkraum nach

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Kassel. Gegröle, Müll, Gestank: Seit geraumer Zeit trifft sich die Trinker- und Drogenszene wieder auf dem Lutherplatz - mit allen negativen Folgen. Zeitweise kommen dort 40 bis 50 Alkoholiker und andere Abhängige zusammen.

Alle Versuche, das Problem mit Verboten in den Griff zu bekommen, haben nichts gebracht. Im Gegenteil: Seit das Café Luther nicht mehr tagsüber geöffnet ist, hat sich die Situation verschärft.

Nun richten sich alle Hoffnungen auf ein Angebot, das in Kiel seit sieben Jahren erfolgreich ist. In der norddeutschen Stadt gibt es zwei Lokale, in denen sich die Szene treffen kann. Zum Reden und auch zum Trinken. Das „Sofa“ und der Trinkraum „Hempels“ verstehen sich als „Treffpunkt mit Dach“ für die Straßenszene.

Mehr zum Lutherplatz finden Sie im Regiowiki unter

www.regiowiki.hna.de/lutherplatz

In dem im August 2010 eröffneten zweiten Trinkraum werden nicht alkoholische Getränke zum Selbstkostenpreis angeboten. Bier und Wein vom Supermarkt um die Ecke dürfen mitgebracht und getrunken werden.Schnaps und andere hochprozentige Getränke sind tabu. Ebenso Konsum und Handel illegaler Drogen.

Die Träger, ein Sozialverein und die Stadt Kiel, sprechen von einer „ordnungspolitischen Alternative für Anlieger und Szenemitglieder“. „Das ist ein wichtiges Projekt“, sagt Wolfgang Schwerdtfeger, Dezernatskoordinator und Referent von Bürgermeister Jürgen Kaiser. „Alles was man in der Fachöffentlichkeit darüber hört, ist positiv.

“ Ob das Modell für Kassel taugt, soll nach einem Besuch in Kiel entschieden werden. Zusammen mit mit Vertretern des Ordnungsamtes, des Jugendamtes, des Gesundheitsamtes und der Drogenhilfe will er sich Ende Januar vor Ort ein Bild machen. Ordnungsamt und Polizei könnten mit ihren begrenzten Mitteln trotz Alkoholverbots kaum etwas gegen die Szene ausrichten, sagt Schwerdtfeger. Der bloße Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen sei schließlich nicht strafbar.

Trinker unter freiem Himmel habe es schon immer gegeben, allerdings sei ihre Zahl in den vegangenen zehn Jahren enorm gestiegen. Darunter litten alle Städte. Die Szene vermische sich auch immer mehr mit Drogenkonsumenten aller Art.

Ein Trinkraum könne eine Alternative sein, um die Probleme zu entschärfen. „Die Gegenleistung ist ein warmer Raum und ein Ansprechpartner, der bei Bedarf hilft“, sagt Schwerdtfeger.

Von Ellen Schwaab

Kein therapeutisches Angebot - Besucher müssen sich aber an Hausregeln halten

Der erste Trinkraum wurde in Kiel zunächst probeweise 2003 in einem Café des Straßenmagazins Hempels eingerichtet. Im August 2010 kam ein zweiter Trinkraum hinzu. Die Kosten für diesen zweiten Raum einschließlich pädagogischer Begleitung der Tresenkräfte (25 Wochenstunden) und Beratung (zehn Wochenstunden) werden auf 87 000 Euro im Jahr beziffert. Hinzu kommen die Mietkosten (23 000 Euro). Hinterm Tresen stehen zwei Mitarbeiter aus der Szene.

Der Trinkraum wird von zwei Ein-Euro-Jobbern und Sozialarbeitern betreut. Die Einrichtung soll kein therapeutisches Angebot sein, sondern ein ordnungspolitisches Instrument, um die Trinkerszene von der Straße zu holen.

Jeder wird so akzeptiert, wie er ist. Die Sozialarbeiter drängen nicht darauf, dass bestimmte Bedingungen eingehalten werden - mit Ausnahme der Hausregeln. Gewalt und deren Androhung sowie Waffen sind verbote. Sie werden nur dann aktiv, wenn sie um Hilfe gebeten werden.

Der in der Nähe der Straßenszene gelegene Trinkraum ist montags bis samstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Am Tag kommen 40 bis 70 Besucher, die zumeist von Hartz IV oder Sozialhilfe leben. Die Hälfte sind Substituierte (ehemalige Heroinkonsumenten, die die Ersatzdroge Methadon bekommen) und Konsumenten illegaler Drogen. 75 bis 80 Prozent trinken täglich Alkohol, 49 Prozent haben Hafterfahrung. Konflikte unter den Besuchern sind selten.

Nach Angaben der Träger werden etwa zweimal im Monat eintägige Hausverbote ausgesprochen. Ein- bis zweimal im Jahr komme es zu längeren Hausverboten und zu Polizeieinsätzen. Als positive Effekte werden eine Veränderung der Tagesstruktur und des Alkoholkonsums, die Nachfrage nach Beschäftigungsmöglichkeiten und ehrenamtlicher Tätigkeit genannt. (els)

Wie die Kirchengemeinde Kassel-Mitte mit dem Problem umgeht, welche Erfolge der Trinkraum in Kiel hat und was HNA-Redakteurin Ellen Schwaab dazu sagt: Das lesen Sie in der gedruckten HNA vom Freitag.

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