Nach Messerattacke: Alkohol- und Drogenszene fordert festen Platz 

Nicht stolz auf seine Sucht: Der Alkohlabhängige Wolfgang Pewetz will sich nicht verstecken. Er wünscht sich keinen Ärger und einen Platz, auf dem er in Ruhe sein Bier trinken kann. Fotos: Ludwig

Kassel. Die Messerattacke vom Vorabend war am Freitag das beherrschende Thema unter den Bäumen auf dem Lutherplatz. Auch Wolfgang Pewetz (52), regelmäßiger Gast auf dem Platz, hat davon etwas mitbekommen.

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Was den bekennenden Alkoholiker ärgert, ist, dass durch solche Taten die ganze Szene in Verruf gerät. „Dabei wollen wir nur in Ruhe unser Bier trinken. Auf Schlägereien hat hier keiner Lust“, sagt Pewetz.

Worauf Pewetz auch keine Lust hat, ist es permanent von einem Ort zum anderen vertrieben zu werden. „Ich bin auch nicht froh, dass ich hier dazu gehöre. Aber irgendwo muss ich ja hin.“

Ein Platz zum Bleiben

Mit dieser Meinung ist der Mann aus dem Landkreis Kassel nicht alleine. Auch sein Bekannter Torsten (42) fühlt sich von der Stadt und den Ordungsbehörden hin- und hergeschoben: „Erst wurden wir auf dem Friedrichsplatz vetrieben, dann vom Königsplatz, und vom Stern.“ Weitere Mitglieder der Szene mischen sich in die Diskussion ein: Es müsse endlich eine Lösung her, ein Platz, an dem die Szene dauerhaft bleiben kann.

Diesen Wunsch hat auch Dr. Hans Helmut Horn. Der Vorsitzende des Fördervereins Lutherkirchturm beobachtet das Problem schon seit drei Jahren. Etwa 70 bis 80 Alkohol- und Drogenabhängige würden sich täglich rund um den Kirchturm aufhalten. Es seien immer mehr geworden und sie kämen nicht nur in den Sommermonaten.

Immer wieder Kontrollen: Bis zu dreimal täglich schaut die Polizei auf dem Lutherplatz vorbei - auch am Freitag.

„Das ist eine völlig unterschiedliche Mannschaft. Da sind viele darunter, die für Ordnung sorgen“, sagt Horn. Problem seien die Drogenhändler und diejenigen, die dort auch tagsüber mit Spritzen hantierten. Eine Gefahr für Passanten sieht Horn nicht. Er könne aber verstehen, dass sich einige unwohl fühlten, wenn sie über den Platz gingen. Ein Dauerzustand sei das nicht - auch weil die Fläche zu klein sei für so viele Menschen.

„Ich bin auch nicht froh, dass ich hier dazu gehöre. Aber irgendwo muss ich ja hin.“

Auch viele Szene-Mitglieder fühlen sich auf dem Lutherplatz nicht mehr sicher. Einige würden aus Angst vor Übergriffen sogar Waffen mitbringen, um sich im Notfall verteidigen zu können, sagt Torsten. Er habe aber noch nie erlebt, dass Passanten in Konflikte geraten seien. „Das sind Vorurteile. Wenn du Drogen nimmst, bist du asozial und kriminell - auch wenn du noch so lieb bist“, sagt Torsten.

Auf dem Platz hatte die Polizei am Donnerstag drei Personen wegen anderer Delikte festgenommen. Pewetz fürchtet, dass die Szene irgendwann völlig geräumt wird. Als er vor drei Jahren zum ersten Mal auf den Lutherplatz kam, sei alles friedlich gewesen. „Klar sind wir unserer Sucht nachgegangen, aber wir sind klargekommen.“

Das sagt die Stadt: "Nie völlig zu lösen"

Bürgermeister und Ordnungsdezernent Jürgen Kaiser (SPD) sagte auf HNA-Anfrage, dass die Stadt an den Plänen festhalte, 2012 einen Trinkraum einzurichten. In diesem sollen die Abhängigen ihren selbst gekauften Alkohol konsumieren können - Hochprozentiges ist nicht erlaubt.

Zudem sollen die Angebote der Drogenhilfe erweitert werden. Etwa 150.000 Euro müssten dafür in den Haushaltsplanentwurf eingestellt werden, sagte Kaiser. Niemand solle sich aber der Illusion hingeben, das gesellschaftliche Problem sei dadurch vollständig zu lösen.

Eine Gefahr für die Menschen in der Stadt gehe durch die Szene nicht aus. Es sei eher eine subjektiv wahrgenommene Bedrohung.

Das sagt die Polizei. "Dealer sind Problem"

Die Polizei verfolge in Bezug auf den Lutherplatz ein kombiniertes Konzept, sagte Uwe Papenfuß, Leiter der Polizeidirektion Kassel. Zunächst werde versucht, Straftaten in dem Bereich zu verhindern. Außerdem sorge die Polizei dafür, dass Passanten und Besucher der Kirche sich auf dem Platz sicher fühlen könnten.

"Die reine Trinkerszene ist unproblematisch", sagt Papenfuß. Ärger gebe es mit denjenigen, die Drogen und Alkohol zusammen konsumierten. Auch würden durch die Szene Drogenhändler auf den Platz gelockt. "Es gibt von Seiten der Polizei keine Toleranz für Drogenhandel und offenen Rauschgiftkonsum."

Die Polizei ermittele deshalb vor Ort auch verdeckt. (bal)

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