Thomas B. (49) hat über eine ambulante Therapie den Weg aus der Sucht gefunden

Der Alkohol war Lebensinhalt

Leben mit Alkohol: Viele Alkoholkranke leugnen ihre Sucht. Thomas B. aus Kassel hat mit einer ambulanten Therapie den Absprung geschafft. Foto: dpa

Kassel. Seine erste Alkoholvergiftung hatte er mit 14 Jahren. Beim Trinken, sagt Thomas B. (Name der Redaktion bekannt), konnte er noch nie Maß halten. „Einfach ein Glas Wein oder ein Bier und dann ist’s gut, das ging bei mir nicht“, sagt der 49-jährige Koch aus Kassel.

2,5 Millionen Menschen in Deutschland sind nach Schätzungen abhängig von Alkohol. Die genaue Zahl lässt sich schwer ermitteln, weil viele Betroffene ihre Sucht leugnen. Wir stellen einen Mann vor, der nach mehr als 30 Jahren starken Trinkens mithilfe einer ambulanten Therapie jetzt trocken geworden ist.

Von Katja Rudolph

30 Jahre lang hat Thomas B. massiv Alkohol getrunken. Fünf Liter Bier und zwei Flaschen Wein am Tag waren sein Pensum. Bis er im Februar vor zwei Jahren wegen einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse beinahe gestorben wäre. „Da ist mir klar geworden, dass ich mich fast totgesoffen hätte und etwas passieren muss.“

Der verheiratete Vater von zwei Kindern begann eine ambulante Suchttherapie beim Diakonischen Werk in Kassel. Nach anderthalb Jahren, in denen er keinen Tropfen mehr anrührte, hatte er jetzt sein letztes Therapiegespräch. Thomas B. ist sicher, dass er es schafft, dem Alkohol zu widerstehen. Nicht nur gesundheitlich gehe es ihm besser, er fühle sich auch viel wacher. Mit seiner Frau, mit der er seit 25 Jahren verheiratet ist, erlebe er gerade einen zweiten Frühling.

Familie vernachlässigt

Trotzdem wirkt der schmächtige Mann nicht richtig fröhlich. Es tue ihm weh, dass er seine Familie all die Jahre vernachlässigte und dass ihn seine Söhne oft betrunken erlebten, sagt Thomas B. „Mein ganzes Leben war ja nur vom Alkohol bestimmt.“ Selbst als seine Frau wegen eines Notfalls mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus kam, habe er in seinem Rausch nichts mitbekommen. Es sei schrecklich gewesen, zu sehen, wie sich ihr Mann zerstört habe und dass sie nichts habe tun können, sagt die 49-Jährige. „Aber ich habe ihn immer geliebt.“

Schon als 17-Jähriger in seiner Ausbildung habe er regelmäßig getrunken, erinnert sich Thomas B. „Das ist schleichend immer schlimmer geworden.“ Warum - dafür habe er keine richtige Erklärung. Rückblickend glaube er, dass auch sein Vater zu viel getrunken hat.

Meist habe er nach der Vormittagsschicht angefangen zu trinken, erzählt Thomas B. Und abends bei der Arbeit weitergetrunken. Nicht heimlich, sondern vor den Kollegen. Auch ans Steuer setzte er sich dann noch, zum Teil mit 1,4 Promille. „Da kam ich mir nicht betrunken vor.“ Mehrmals wurde er von der Polizei erwischt und verlor den Führerschein. „Trotzdem wollte ich mir nicht eingestehen, dass ich ein Problem habe.“ Dazu bedurfte es einer richtigen „Backpfeife“, sagt Thomas B. und meint seine lebensgefährliche Erkrankung. Bevor er ins Krankenhaus kam, wog der 49-Jährige, dem man die Spuren seiner Sucht noch ansieht, 42 Kilogramm. Über das literweise Trinken habe er kaum noch etwas gegessen.

Heute geht es Thomas B. besser, er hat fast 20 Kilo zugenommen. Aber er weiß, dass es wegen seiner Bauchspeicheldrüse „ein langsamer Suizid“ wäre, wieder zu trinken. Jahrzehntelang habe er Alkohol als Problemlöser benutzt. Heute wisse er, dass das Trinken nur noch mehr Probleme schaffe.

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