Männer doppelt so oft von Alkoholsucht wie Frauen betroffen – Häufig fehlen Aufgaben nach Berufsleben

Alkoholsucht: Schluck für Schluck in die Isolation

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Flucht vor der Einsamkeit: Menschen im Rentenalter greifen immer häufiger zum Alkohol. Eine der Ursachen ist, dass sie ihre Isolation nicht mehr ertragen.

Kassel. Als Helmut Frömmel auf HNA-Anfrage seine Patienten-Daten wälzte, war er selbst etwas erschrocken: „Ich war erstaunt, wie viele ältere Menschen es sind, die zu uns kommen“, sagt der ärztliche Direktor des Blaukreuz-Zentrums.

Der Anteil der Männer ist doppelt so hoch wie der der Frauen. Dass die Tendenz weiter steigend sein wird, daran hat Frömmel keine Zweifel - allein schon wegen des demografischen Wandels. Frömmel glaubt aber auch, dass es gute Chancen gibt, den Betroffenen zu helfen. „Auslöser für die Sucht ist häufig Einsamkeit. Es kann also schon die Lösung sein, wenn die Menschen wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, sagt Frömmel.

Helmut Frömmel

Mit dem Ende des Arbeitslebens fehle es oft an einer neuen Aufgabe. „Die Großfamilie mit der Oma, die sich um die Enkel kümmert, können Sie mit der Lupe suchen.“ Neuen Sinn könne etwa ein gemeinnütziges Projekt stiften, für das man sich im Ruhestand engagiere. „Viele definieren sich heutzutage über das Machen. Das gibt ihnen Struktur.“ Eine wichtige Aufgabe der Suchthilfe sei es deshalb, die Hemmschwelle isolierter Senioren, auf neue Menschen zuzugehen, abzubauen.

„Ein Rentner, der abends zwei Bier trinkt, braucht keine Therapie, wenn er mitten im Leben steht.“

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Ab wann Alkoholkonsum problematisch werde, hänge von den Begleitumständen ab. „Ein Rentner, der abends zwei Bier trinkt, braucht keine Therapie, wenn er mitten im Leben steht.“ Wenn er aber alkoholisiert stürze, sich vernachlässige oder isoliere, dann müsse behandelt werden.

Petra Hammer-Scheuerer

Neben der Vereinsamung spielen aber noch andere Ursachen eine Rolle. „Die älteren Senioren gehören der nicht redenden Kriegsgeneration an“, sagt Frömmel. Häufig lägen bei ihnen posttraumatische Belastungsstörungen vor, die aber nie diagnostiziert und somit auch nicht behandelt wurden. Solange das Arbeits- und Familienleben intakt gewesen sei, hätten viele der Betroffenen diese Kriegserfahrungen kompensieren können. „Ist dies nicht mehr der Fall, sind sie schutzlos ausgeliefert.“ Petra Hammer-Scheuerer von der Suchthilfe des Diakonischen Werkes Kassel sieht eine große Aufgabe auf die Sucht- und Altenhilfe zukommen. Es habe bislang nur erste Treffen mit Trägern der Altenhilfe gegeben. Konkrete Ergebnisse gebe es noch nicht. Spezielle Angebote für ältere Menschen mit Alkoholproblemen - wie es sie etwa in der Fachklinik Wigbertshöhe (Bad Hersfeld) gebe - müssten auch in der Region aufgebaut werden. Frömmel und Hammer

Hier geht es zum Blauen Kreuz Kassel e.V.

Scheuerer sehen es aber schon als Fortschritt, dass inzwischen offen über das Phänomen gesprochen wird. Früher habe es im Dorf niemanden gejuckt, wenn der Nachbar getrunken hat.

Von Bastian Ludwig

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