Angebot des Bundes gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr

So fühlt man sich mit 1,1 Promille: HNA-Redakteure beim Selbsterfahrungs-Trinkversuch

„Bitte treffen Sie das Porzellan.“ Oder anders gesagt: Übergeben Sie sich nicht neben das Klo. So die Bitte des Oberamtsanwalts a. D., der Alkoholversuche für Polizisten und Juristen in Kassel anbietet. Einem solchen Test haben sich nun Online-Redakteure der HNA gestellt.

Sobald wir uns unwohl fühlen, sollen wir aufspringen und zur Toilette rennen. „Bitte treffen Sie das Porzellan“, sagt Jürgen Würzberg und sieht einen nach dem anderen eindringlich an. „Ich möchte nicht, dass morgen in der HNA steht: Redakteure besudeln das Pancake.“ Würzberg (77) hat 37 Jahre in Kassel als Oberamtsanwalt gearbeitet. Gerader Rücken, gefaltete Hände, auf den Lippen dieses nachsichtige Lächeln, das nüchterne Menschen häufig unter Betrunkenen zeigen. Bisher hatten wir keinen Schluck Alkohol. Doch in zwei Stunden werde ich vier Gläser Wein getrunken haben, Olli wird sich an Philipp kuscheln, Andi wird seinen Kollegen Pusteröhrchen gegen die Köpfe werfen und Jens wird laut „Räuber Hotzenplotz“ rufen – warum auch immer. An diesem Abend führt Würzberg mit uns, sechs Online-Redakteuren und zwei Freunden, einen Selbsterfahrungs-Trinkversuch des Bundes gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr (B.A.D.S.) durch. Normalerweise absolvieren den Polizisten und Juristen. „Unsere Referendare erleiden das alle, durch die Bank weg“, sagt Würzberg. Seit zehn Jahren leitet er diese Tests. Das Ziel: Die Teilnehmer sollen am eigenen Leib erfahren, wie sich Promillewerte anfühlen und wie unterschiedlich der berechnete Atemalkohol und die gefühlte Alkoholisierung ausfallen können. Wir wollen das auch. Also: Prost.

So funktioniert der Trinkversuch

Jeder Teilnehmer entscheidet sich zunächst für ein Getränk – Rot- oder Weißwein, Pils oder Hefeweizen – und für einen Promillewert. Zur Auswahl stehen 0,5, 0,8 und 1,1 Promille. Ab 0,5 Promille ist Autofahren verboten. Bis 2001 galt noch die 0,8-Promille-Grenze, weswegen der B.A.D.S. auch diesen Wert im Trinkversuch anbietet. Die absolute Fahruntüchtigkeit gilt ab 1,1 Promille. Wer wie viel trinken muss, um bei seinem gewünschten Promillewert zu landen, errechnet Jürgen Würzberg anhand von Körpergröße und Gewicht.

Bei mir sind es 0,8 Liter Weißwein für 1,1 Promille. Das müsste doch machbar sein, denke ich. Olli denkt das auch. Er ist etwas größer als ich und wiegt mehr, für den gleichen Promillewert muss er 3,3 Liter Pils trinken. „Ich dachte, es wäre mehr“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Hauptsache, ich sitze nah am Klo.“ „Ein Weizen bitte“, ruft Jens. „Das erste von sechs.“ Alle lachen. Was wir unterschätzen: Um unsere jeweiligen Mengen zu schaffen, haben wir nur zwei Stunden Zeit. Zuerst essen wir Pfannkuchen mit Pilzen, dann, endlich, kommt der Kellner mit den Getränken herein.

HNA-Redakteurin Rebekka Knoll schreibt während des Trinkversuchs mit. Insgesamt muss sie an diesem Abend 0,8 Liter Weißwein trinken.

19.30 Uhr: Die ersten Getränke werden serviert

„Das ist Herr Kaufmann – der wichtigste Mann des Abends“, sagt Würzberg. Kaufmann, der seinen echten Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, stellt eine große Karaffe voll Rotwein vor Andi ab. Insgesamt soll der Kollege 1,3 Liter trinken. „Alkohol ist eine tückische Sache“, warnt Würzberg zwinkernd. „Wenn man zu viel trinkt, wird man betrunken.“ Trotz dieser weisen Warnung habe ich keine Angst. Im Angesicht des Weißweinglases, das mir gerade gereicht wird, fühle ich mich fast unbezwingbar. Würzberg bittet uns, für jedes Getränk einen Strich zu machen. Ich werde ja wohl noch bis vier zählen können, denke ich und nehme gleich mal einen großen Schluck. Aber gut. Er ist der Profi.

19.45 Uhr: Die ersten Gläser sind leer

Jens und Olli halten ihre leeren Gläser in die Höhe. „Kohlensäure transportiert Alkohol schneller in den Blutkreislauf“, sagt Würzberg. Schon das erste Bier müssten die beiden also spüren. Vor allem Jens, denn der trinkt Weizen, das bis zu sechs Prozent Alkohol hat. Das Pils, das Olli trinkt, hat nur fünf. Schräg gegenüber sitzt Nora ebenfalls vor einem Pils. Sie braucht noch ein bisschen, ihr Glas ist halbvoll. Für 1,2 Liter Bier muss sie sich nicht ganz so sehr beeilen wie ihre Kollegen. „Normalerweise trinke ich langsamer“, sagt sie trotzdem und nimmt tapfer den nächsten Schluck. Frauen werden bei gleichem Körpergewicht und gleicher Trinkmenge schneller betrunken als Männer, erklärt Würzberg währenddessen. Das liegt zum einen daran, dass die weibliche Leber weniger des Enzyms enthält, das zum Alkoholabbau nötig ist. Zum anderen ist der höhere Fettanteil ein Grund: Alkohol geht nicht ins Fettgewebe über. Er muss sich im weiblichen Körper also auf weniger Flüssigkeit verteilen. Und der Flüssigkeitsgehalt bei Männern ist ohnehin höher als der bei Frauen.

20 Uhr: Andi hat schon Schluckauf

Rotwein-Andi muss trotzdem einen Schluckauf unterdrücken. Und Weißwein-Sina fächert sich Luft zu. „Puh“, sagt sie. „Es ist ganz schön warm hier.“ Sie fragt, ob wir nicht auch Schnaps hätten trinken können. „Nein“, antwortet Würzberg. „Schnaps verursacht zu schlimme Ausfallerscheinungen.“ Wir nicken mit seriöser Miene, Sina lässt ihren Stift fallen und Philipp bestellt statt Wein „ein zweites Glas Sein, bitte.“ Ich bin noch sehr gefasst. Ein Glas pro halber Stunde ist eine wunderbare Taktung, denke ich breit lächelnd, und nehme den nächsten Weißwein entgegen. 

Wie viel jeder trinken kann, um noch Auto fahren zu dürfen, kann Jürgen Würzberg (hinten in der Mitte) nicht pauschal sagen. Das kommt auf zahlreiche Faktoren an.

Noch kann ich Würzbergs Ausführungen über Resorptionsverlust hervorragend folgen: Ein Anteil des Alkohols verschwindet einfach im Körper, erzählt er. Wohin, wissen Mediziner nicht. Bei Schnaps sind es zehn, bei Wein 20 und bei Bier sogar 30 Prozent. Diesen Resorptionsverlust hat auch Würzberg beim Berechnen unserer Alkoholmenge berücksichtigt. Ebenso muss er bei Verkehrsdelikten eingerechnet werden, andernfalls könnte der Angeklagte das Urteil anfechten. Schließlich ist es möglich, dass er doch nicht so betrunken gewesen ist, wie ohne Resorptionsverlust berechnet. Kurzzeitig finde ich das hochspannend. Dann schmeckt Sina der Wein nicht mehr und ich bin abgelenkt. „Das ist doch ein anderer“, sagt sie und wir beginnen, an allen vorhandenen Weingläsern zu nippen, um den Geschmack zu vergleichen. Wir lachen immer lauter – und fast hätte ich dabei vergessen, meinen zweiten Strich zu machen.

20.30 Uhr: „Ich hätte nie gedacht, dass es nach zwei Gläsern schon so lustig ist.“

Würzberg erinnert uns an Günther Beckstein (CSU), der in seinen Zeiten als Bayerns Ministerpräsident behauptete: „Wenn man zwei Maß in sechs, sieben Stunden auf dem Oktoberfest trinkt, ist Autofahren noch möglich.“ Das sei natürlich falsch. Pauschal könne man nicht sagen, mit wie vielen Gläsern Bier Autofahren noch möglich sei. Das komme auf viele Faktoren wie Körpergewicht und Fettanteil des Körpers an. Zudem müsse man auch die gefühlte Alkoholisierung berücksichtigen. „Der gelernte Deutsche fällt bei 0,4 Promille noch nicht auf“, sagt Würzberg. Einen Fall habe er aber erlebt, in dem das anders war: Ein Fernfahrer sei mit 0,4 Promille im Graben gelandet. Davor soll er wenig geschlafen und zunächst – „Und jetzt bitte nicht lächeln“ – seine Freundin und später seine Frau beglückt haben. „Jetzt muss ich doch lächeln“, sagt Andi. „Ein sehr potenter Zeitgenosse“, sagt Würzberg, wir lachen schon wieder. Oder immer noch? „Ich hätte nie gedacht, dass es nach zwei Gläsern schon so lustig ist“, sagt Sina. Und ich bestelle mein drittes Glas.

21 Uhr: Wir reden über Alkoholismus

Es gebe zwei Sorten von Alkoholikern, sagt Würzberg: Den Quartalssäufer, der sich in regelmäßigen Abständen bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, und den Spiegeltrinker, der ständig einen Pegel braucht. „Und was, wenn man jedes Wochenende freitags und samstags jeweils eine Flasche Wein trinkt, ist man dann Alkoholiker?“, frage ich - natürlich aus rein professionellem Interesse. „Es sollte Ihnen schon zu denken geben, wenn Sie das brauchen“, sagt Würzberg. Sein Rat: Es sei besser, sich auf nur eine Flasche pro Wochenende zu beschränken.

Weiß- oder Rotwein, Pils oder Weizen werden beim Selbsterfahrungs-Trinkversuch getrunken.

21.15 Uhr: Olli kuschelt, Philipp flucht

Ich halte mein letztes Glas in den Händen. Jetzt aber schnell. Den dritten Strich hab ich ganz vergessen – jetzt mache ich also zwei auf einmal. Was ich mir außerdem notiere, kann kein Mensch lesen, nicht mal ich. Vier Gläser in zwei Stunden sind mehr als gedacht. Bei den letzten Schlucken muss ich kämpfen. „Gott sei Dank, dass Sie kommen, Herr Kaufmann“, seufzt Sina neben mir. „Herr Kaufmann, dürfte ich mein sechstes Hefeweizen bekommen? Ich bin voll in time, das ist mein Letztes!“, ruft Jens. Olli kuschelt mit Philipp. Andi wirft Philipp ein Röhrchen gegen den Kopf. Philipp ruft immer wieder das gleiche Schimpfwort. Und Würzberg findet, wir sind eine sehr homogene Gruppe: „Behalten Sie Ihre Fröhlichkeit“, sagt er. Wir finden ihn unfassbar nett.

Die erste Messung

Nachdem wir unsere letzten Schlucke getrunken haben, müssen wir 15 Minuten warten. Zuvor könnte des Vortestgerät, für das Hobby-Puster etwa 800 Euro zahlen müssten, falsche Werte anzeigen. Dann endlich blasen wir in unsere Röhrchen. „Du hast blasen gesagt“, ruft Jens. Bei den meisten von uns ist es fast eine Punktlandung. Wir weichen nur bis zu 0,11 Promille vom jeweiligen Zielwert ab. 

Das Gerät zeigt 0,92 Promille an: Andreas Berger hat 1,3 Liter Rotwein getrunken.

Überrascht ist vor allem Verena: Sie hat 0,56 Promille. „So ist es schon mit 0,56? Ich bin betrunken!“, ruft sie. „Das ist gut“, sagt Würzberg. „Alkoholiker merken das nicht mehr.“ Olli hat 1,08 Promille geschafft und fühlt sich bestens, auch Sina mit 1,08 Promille ist ein wenig stolz. Nur ich bin enttäuscht: 0,9 Promille zeigt das Gerät bei mir an. Doch die Abweichung von meinem Zielwert sei minimal und liege völlig im Durchschnitt, erklärt mir Würzberg.

Die zweite Messung

Wir machen eine Stunde Trinkpause. In dieser Zeit kann der Promillewert gleich bleiben, sinken oder noch mal steigen. Bei Menschen bis 50 Jahren werden pro Stunde zwischen 0,15 und 0,2 Promille abgebaut. Vor Gericht werden nur 0,1 Promille gerechnet. Will der Angeklagte eine Rauschtat geltend machen, müssen allerdings 0,2 Promille gerechnet werden. „Der Mensch ist keine Maschine“, sagt Würzberg. „Ich bin doch keine Maschine“, singt Philipp. Dann pusten wir. Bei Andi ist der Wert leicht von 0,92 auf 1,0 Promille gestiegen. Bei mir um 0,02 gesunken. Auch mit 0,88 Promille könnte ich mir nicht mal im Entferntesten vorstellen, mich hinter ein Steuer zu setzen. Oder auf ein Fahrrad. Dass man bis 1966 noch mit 1,5 Promille Auto fahren durfte, können wir kaum glauben. Leicht schwankend, mit schwerer Zunge und unter lautem Gelächter stehen wir auf, um uns ein Taxi zu rufen. 

„Erst dachte ich: Redakteure – Halleluja. Aber Sie sind wirklich angenehm“, sagt Würzberg zum Abschied und in kleinen Schlucken trinkt er sein alkoholfreies Bier aus.

Promillerechner: Wie schnell ist man betrunken?

Um die Promille zu errechnen, braucht Jürgen Würzberg die Angaben Geschlecht, Gewicht und Körpergröße. Außerdem natürlich das ausgewählte Getränk. Online kann man seinen Promillewert unter anderem hier ausrechnen lassen

Ab welcher Promille ist der Führerschein weg?

Ab 0,3 Promille gilt der Fahrer als relativ fahruntüchtig. Wenn er beispielsweise Schlangenlinien fährt oder eine rote Ampel übersieht, ist bereits der Entzug der Fahrerlaubnis möglich. Ab 0,5 Promille begeht der Fahrer eine Ordnungswidrigkeit. Der erste Verstoß kann mit einem Monat Fahrverbot geahndet werden, der zweite mit drei Monaten. Absolut fahruntüchtig ist man mit 1,1 Promille. Wer damit erwischt wird – auch ohne auffällig zu werden – muss für einige Monate seinen Führerschein abgeben.

Hilfe bei Alkoholproblemen

Hilfe bei Problemen mit Alkohol und Drogen bekommen Menschen in der Region unter anderem beim Diakonischen Werk Kassel. Zur Selbsthilfe bei Suchtproblemen in Kassel geht es hier

Wirkung von Alkohol auf den Körper

Alkohol… 

  • ... beeinträchtigt die Koordination stört den Gleichgewichtssinn 
  • ... hat ein hohes Suchtpotential 
  • ... verändert die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen 
  • ... führt dazu, dass Entfernungen falsch eingeschätzt werden und das Blickfeld kleiner wird 
  • ... stört die Konzentrationsfähigkeit 
  • ... wirkt entspannend und stimmungssteigernd 
  • ... dämpft Angstgefühle 
  • ... lässt die Risikobereitschaft steigen 
  • ... senkt die Kritikfähigkeit 
  • ... kann eine positive Stimmung auch schnell in Gereiztheit und Aggression umschlagen lassen

Ein betrunkener Opa wurde zum Youtube-Star: Dieser Clip wurde tausendfach geklickt:

Rubriklistenbild: © Jessica Berger

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