Schallkanone erzeugt einen Wall aus Schwingungen, an dem auch der Beherzteste nicht vorbeikommt

Alle Körperzellen in Aufruhr

Kaum auszuhalten: Stadtverordneter Heinz-Gunter Drubel (von links), Polizeioberrat Thomas Nagler und Hügin-Chef Lothar Hügin mussten sich trotz einigen Abstandes von der Schallquelle die Ohren zuhalten.

Kassel / Staufenberg. Wie nah kann man herankommen an die Wunder-Schallquelle aus Kassel? Was nützt dabei Gehörschutz? Auf der Busfahrt zum Testgelände außerhalb von Landwehrhagen hat Hügin-Forschungschef Hans-Karl von Engel viele Fragen zu beantworten. „Das kann man nicht erklären“, sagt er, „das muss man selbst erleben.“ Er soll recht behalten.

Endstation an einem Gewerbegelände außerhalb des Ortes. Auf der Stichstraße, die in freies Feld führt, drängen sich 50 gespannte Teilnehmer. Einsatzleiter Thomas Schmidt gibt Sicherheitsanweisungen: „Bleiben Sie bitte alle zusammen.“ Kurz darauf biegt ein schwarzer Lkw um die Ecke. Er sieht aus wie ein Wasserwerfer, nur statt Strahlkanone mit einem Trichter über dem Dach. Der zeigt während der Vorbeifahrt schräg in den Himmel und stößt einen gellenden Pfeifton aus: Huuuiii ... mächtig laut, aber nicht spektakulärer als ein Güterzug.

„Jetzt gibt’s ein etwas anderes Erlebnis“, warnt Schmidt. Der Lkw wendet, die Tüte dröhnt nun die Runde aus 200 Metern Distanz unmittelbar an. Acht Sekunden infernalischer Lärm lassen die Gesichtszüge einiger Gäste zerknittern. „Schmerzhaft ist das jetzt noch nicht“, kommentiert Schmidt.

Der Wagen rollt bis auf 100 Meter heran, dann ebenso wieder die Schallwelle. Die Ersten reißen gequält die Hände vor die Ohren.

Als der Abstand nur noch 75 Meter beträgt, wird der Druck plötzlich mehr als nur ein Akustik-Problem: Die Knie flattern, die Magengrube gerät in Aufruhr. Von einer unsichtbaren Macht scheint jede Körperzelle in quälende Schwingungen versetzt. Bald wird das den meisten zu viel: Einer nach dem anderen bringt sich seitlich aus dem Schallbereich in Sicherheit. Manchen wird leicht übel.

Wäre der Wagen ein Wasserwerfer, müsste er bis auf 50 Meter herankommen, damit sein Strahl richtig Wirkung entfalten kann. Die Erfahrung des Schallkanonen-Lärms auf kürzerer Distanz bleibt den Gästen einstweilen erspart. Die Mutigen unter ihnen dürfen das aber kurz darauf auf dem nahen Betriebshof einer Containerfirma ausprobieren.

Dort steht ein Sattelauflieger, dessen Inneres die Firma Hügin im Look eines Frachtschiffsrumpfs gestaltet hat. Die Schallkanone soll auch bei der Abwehr von Piraten zum Einsatz kommen, mit dem Vorführ-Mobil will Hügin auf Tournee bei Reedereien gehen. Was Angreifer auf See erwarten könnte, davon kündet das höllische Pfeifen, das jetzt als minutenlanger Dauerton aus dem Auflieger erklingt. „Freiwillige dürfen gern mal versuchen, hineinzugehen“, ermuntert Einsatzleiter Schmidt und zeigt auf eine Holztreppe am Heck. Bis dorthin und beim besten Willen nicht weiter schaffen es die Wagemutigsten, die Hände fest auf die Ohren gepresst. Zehn Meter weiter hinten drin sind zwei Schallgeneratoren an ovalen Schiffsluken angebracht, hinter denen sich die Besatzung im Ernstfall verschanzen würde.

Schon bei weiträumiger Annäherung an den Trailer wird der Druck auf den gesamten Körper immer unerträglicher, rund um den offenen Heckbereich ist er schließlich gar nicht mehr auszuhalten. Etwa fünf, sechs Meter vor dem Einstieg muss der Verfasser dieses Artikels aufgeben. Es fühlt sich an, als wolle man gegen eine Feuerwand anlaufen.

„Da geht keiner freiwillig rein“, sagt Hügin-Mitarbeiter Rainer Nieft. Und damit hat auch er recht.

Von Axel Schwarz

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