Krankenhaus-Betreiber aus Kassel kritisieren Bundesregierung

Wegen Corona: Ist bald kein Geld mehr für Krankenhaus-Mitarbeiter da?

Intensivpfleger Richard Henke (links) und Stationsleiterin Heike van Elkan auf der Intensivstation im Klinikum Kassel.
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Auch sie sind für Corona-Patienten da: Intensivpfleger Richard Henke und Stationsleiterin Heike van Elkan auf der Intensivstation im Klinikum Kassel.

Im Frühjahr wurde Krankenhaus-Mitarbeitern applaudiert, nun warnen Experten, dass Kliniken sie bald nicht mehr bezahlen können. Wie schlimm ist die finanzielle Lage bei den heimischen Hospitälern?

Mit einer Gehältergarantie für Mitarbeiter von Krankenhäusern hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf die Kritik an der Finanzausstattung der Kliniken reagiert. „Wir wollen und werden die Liquidität der Krankenhäuser in der Krise sichern. Darauf können sich die Beschäftigten verlassen“, sagte der CDU-Politiker dem Redaktions-Netzwerk Deutschland.

Zuvor hatte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, gewarnt, dass zahlreiche Kliniken bereits im ersten Quartal 2021 Gehälter von Mitarbeitern nicht mehr bezahlen könnten, sollte die Bundesregierung ihre Hilfen nicht erhöhen.

Diese Gefahr sehen die heimischen Kliniken nicht. „Unsere Gehälter sind sicher“, versichert etwa Michael Schmidt, Geschäftsführer des Kasseler Marienkrankenhauses, das für dieses Jahr keine roten Zahlen erwartet. Ähnlich klingt es bei allen anderen Kliniken, die die HNA gestern dazu befragen konnte. Gleichwohl teilen viele Verantwortliche die Kritik an der Bundesregierung.

„Die Krankenhausgesellschaft legt den Finger in die Wunde“, sagt Schmidt. Für den Gesundheitsökonomen hat die Große Koalition in Berlin zunächst zu sehr nach dem Gießkannenprinzip gefördert: „Manche Kliniken haben darum sogar von der Krise profitiert.“ Wer dagegen planbare Operationen verschiebt, um Betten für Corona-Patienten freizuhalten, mache ein Minusgeschäft. Schmidt schlägt darum vor, dass Kliniken Zahlungen auf dem Niveau von 2019 erhalten. Mit dieser Budget-Regelung könne man mittelfristig viel besser planen.

Auch das Elisabeth-Krankenhaus fordert, dass „formale Aspekte, die die Ausgleichszahlungen derzeit verhindern, sofort geändert werden“. Verwaltungsleiterin Sarah Buchmann geht davon aus, dass „die regulären Erlöse unter Coronabedingungen 2021 nicht ausreichen werden, um unsere Kosten zu decken“.

Ähnlich geht es vielen anderen Kliniken. Laut dem Deutschen Krankenhausinstitut rechnen zwei Drittel aller Krankenhausbetreiber 2020 mit einem Minus.

GNH/Klinikum

Bei der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) heißt es, dass die Gehälter aller Mitarbeiter sicher seien. In diesem Jahr machte der Gesundheitskonzern Schlagzeilen, als er für 2019 ein Minus von 11,2 Millionen Euro verzeichnete. Mittlerweile sind die defizitären Krankenhäuser in Wolfhagen und Hofgeismar an den Kreis verkauft. Doch auch das Klinikum, das größte Krankenhaus der Region, macht Verluste. Mit Blick auf die weitere Entwicklung teilt eine Sprecherin lediglich mit: „Die GNH hat gemeinsam mit ihrem Gesellschafter, der Stadt Kassel, Ende 2019 eine Neuausrichtung eingeleitet und diese bisher inhaltlich und wirtschaftlich erfolgreich umgesetzt“.

Diakonie-Kliniken

Anders als viele seiner Kollegen lobt Alfred Karl Walter, Geschäftsführer der Agaplesion Diakonie-Kliniken, die Maßnahmen der Bundesregierung: „Durch den Rettungsschirm konnten die schlimmsten Dinge abgemildert werden. Ich vertraue der Politik, dass sie wie im zweiten Rettungsschirm Lösungen findet.“ Seit 2017 hat sein Haus stets ein ausgeglichenes oder „angemessen positives“ Ergebnis vorgelegt. Walter geht davon aus, dass dies nun so ähnlich sein wird.

Kreiskliniken

Die Kreiskliniken in Wolfhagen und Hofgeismar sind ein Sonderfall. Sie sind seit diesem Jahr zu 100 Prozent Eigentum eines Eigenbetriebs des Landkreises Kassel. Der rechnet für dieses Jahr zwar mit einem Defizit von mehr als 8,7 Millionen Euro und für 2021 gar mit einem Minus von knapp 12,39 Millionen Euro. Aber da der Kreistag den Wirtschaftsplan im September bereits beschlossen hat, „sind auch die Personalaufwendungen für 2021 abgedeckt“, wie Kreissprecher Harald Kühlborn sagt.

Im kommenden Jahr soll ein tragfähiges medizinisches Konzept für beide Standorte erarbeitet werden, „um die Defizite für die nächsten Jahre zu verringern“. Kühlborn kritisiert, dass die Krankenhausfinanzierung in Deutschland insgesamt „auf Kante genäht ist“. Kliniken der grund- und Regelversorgung seien immer im Nachteil, da sie „weniger hohe Fallpauschalen erzielen können“. Zwar habe die Bundesregierung begonnen entgegenzusteuern. Allerdings reichen Kühlborn „die bisherigen Korrekturen an den Fallpauschalen nicht aus“.

Elisabeth-Krankenhaus

Auch in der Klinik am Weinberg ist die Zahlung der Löhne „wegen der soliden finanziellen Grundlage zu keiner Zeit in Gefahr“, wie Verwaltungsleiterin Sarah Buchmann sagt. Gleichwohl geht sie davon aus, „dass die regulären Erlöse unter Corona-Bedingungen 2021 nicht ausreichen werden, unsere Kosten zu decken“. Derzeit werden im Elisabeth-Krankenhaus 27 Menschen mit Covid-19 behandelt. „Die Versorgung unserer Corona-Patienten schränkt den Krankenhausbetrieb seit November erneut extrem ein“, sagt Buchmann.

Marienkrankenhaus

Glaubt man Michael Schmidt, dem Geschäftsführer des Krankenhauses in Rothenditmold, steht seinen Mitarbeitern das Schlimmste noch bevor: „Die Pandemie wird Mitte Januar ihren Höchststand erreichen. Wir bereiten uns auf eine große Patientenwelle vor. Das geht zu Lasten von anderen Leistungen.“ Kenner der Gesundheits-Branche loben Schmidt für seinen Weitblick. Sie verwundert es auch nicht, dass das Marienkrankenhaus trotz der Krise „wirtschaftlich gesichert“ ist, wie der Geschäftsführer sagt. Der verlangt von der Bundesregierung eine „echte Entbürokratisierung, das würde uns sehr weiterhelfen“.

Krankenhausgesellschaft

Auch die Hessische Krankenhausgesellschaft fordert von Berlin neue Regelungen. Da „immer wieder ganze Stationen geschlossen und neue Covid-Stationen eröffnet werden, brauchen die Kliniken Planungssicherheit für die nächsten Monate“, sagt Sprecher Steffen Gramminger gegenüber der HNA: „Man hätte in Berlin schon viel früher reagieren müssen.“ (Matthias Lohr)

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