Verkäuferin berichtet: Kunden zeigten sich oft abschätzig

Alltag im Einzelhandel: Den Ärger muss sie weglächeln

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Nicht immer konfliktfrei: Auf unserem Symbolbild berät eine Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft in Hamburg einen Kunden.

Kassel. Im Februar geriet eine Verkäuferin eines Kasseler Modehauses mit einer Kundin aneinander. Dieser Konflikt endete für die Angestellte, zugleich Betriebsrätin, mit einer fristlosen Kündigung. Wir nehmen den Vorfall zum Anlass und fragen: Wie sieht der Alltag im Einzelhandel aus? Eine Verkäuferin berichtet.

Lächeln, immer wieder lächeln. Auch wenn der Rücken schmerzt, die Beine vom stundenlangen Stehen brennen und der Kunde besonders unfreundlich ist. Susanne Schneider (Name von der Redaktion geändert) kann ein Lied davon singen. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Einzelhandel und beobachtet, dass ihr Job immer weniger wertgeschätzt wird.

„Viele Kunden schenken uns trotz freundlicher Bedienung keine Beachtung, würdigen uns keines Blickes, erwidern kein Wort“, berichtet Schneider, die seit einigen Jahren in einem Kasseler Bekleidungsgeschäft arbeitet. „Was soll ich denn mit Ihnen schon reden“, habe ihr eine Kundin, die sie dezent darauf hingewiesen habe, herablassend entgegnet. Ein Erwidern des Grußes würde ja schon reichen, sagt die Verkäuferin im Gespräch mit der HNA.

Oft ließen sich Kunden bedienen, während sie parallel dazu lautstark mit dem Handy telefonierten. „Wünsche ergehen dann nur durch Zeichen, Kopfnicken und Rumfuchteln mit den Armen. Geld wird zerknüllt hingeworfen oder die Kreditkarte auf den Tresen gefenstert“, schildert Schneider.

Ein Tag ohne Ärger sei selten. Doch den muss die Verkäuferin runterschlucken. Die Vorgabe von der Geschäftsführung laute nun mal: „Das halten Sie aus.“

Wüste Beschimpfungen 

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Wie schwer ihr das mitunter fallen kann, verdeutlicht Schneider an folgendem Beispiel: Ein Kunde habe ihr einen Artikel, den es im Rahmen einer Aktion gratis gab, nach einer halben Stunde wieder wütend auf den Tresen geknallt und sie beschimpft, was er denn mit so einem minderwertigen Produkt solle. Ihre Erwiderung, dass es sich um ein Geschenk handele, habe der Kunde mit weiteren wüsten Kraftausdrücken quittiert. „Für Kunden bin ich immer die Schuldige“, sagt Schneider, deren Gehalt kaum über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt.

Wie herablassend und geringschätzig sich manche Kunden aufführten, entsetze sie besonders, sagt die Verkäuferin. „Machen Sie eigentlich noch was Anspruchsvolles?“, habe ein Kunde eine Kollegin angeraunzt, die zerwühlte T-Shirts sorgfältig zusammenfaltete.

Jede ihrer Kolleginnen und jeder Kollege könne ein Buch von den Erlebnissen mit Kunden schreiben, ist Schneider überzeugt. Eine regelmäßige Supervision, in der Konflikte zum Thema gemacht werden, gebe es nicht. „Wut und Enttäuschung nehmen Sie mit nach Hause.“ Sie habe über die Jahre beobachtet, dass die Menschen immer egoistischer und ungeduldiger werden, sagt Schneider. Und dass sich jene Kunden am unfreundlichsten gerierten, die am meisten Geld hätten.

„Dieser Beruf ist schwerer, als die meisten glauben.“ Aber selbst wenn beim Mitternachtsshopping eine Kundin um 23.55 Uhr ein T-Shirt umtauschen wolle, bleibe ihr nur eins: lächeln.

Von Anja Berens

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