Historische Kasseler Karten und ihre Geschichten - Vortrag am Mittwoch

Alte Postkarten erzählen Geschichten: Botschaft an drei liebe Herren

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Beschwingte Zeilen: Eine Kasselerin schrieb 1897 drei Herren aus Konstanz diese Zeilen nach einem Abend im Kasseler Café Kaletsch. Offenbar war es ein feuchtfröhlicher Abend.

Kassel. Alte Postkarten erzählen Geschichte und Geschichten. In einem Vortrag des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde werden am Mittwoch, 11. Januar, einige dieser Geschichten aus Kassel lebendig.

Dazu stellt Historiker Jürgen Fischer Karten vor, die zwischen 1870 und 1919 von und an Kasseler geschrieben wurden. Hier ein Vorgeschmack.

Schön ist die Geschichte einer Dame aus Kassel, die 1897 einen rauschenden Abend im Kasseler Café Kaletsch verbracht hat. Das Café befand sich an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße), Ecke Karthäuserstraße. Im Café, das später zum Restaurant „Zeppelin“ wurde, ging es offenbar hoch her.

So schrieb die Kasselerin nach einem launigen Abend den „drei lieben Herren“ aus Konstanz eine Postkarte, die an einem der Nachbartische auf „das Pegasus g’stign, und it ubi g’falla sind“ – sprich auf das Pegasus gestiegen waren und nicht heruntergefallen sind. Auf der Vorderseite der Karte dichtet die Dame launig.

„Was das Pegasus ist, konnte ich nicht herausfinden“, sagt Historiker Fischer. Aber sicher sei, dass die Postkarte am 8. August 1897 Konstanz erreichte. Weil sie nicht korrekt adressiert war, dürfte sie die Herren nie erreicht haben.

Interessant seien aber nicht nur Motive und Inhalt der Postkarten, sagt Fischer, sondern auch die Stellung der Briefmarken. Denn dahinter habe sich eine Geheimsprache verborgen, die Liebenden den intimen Austausch von Botschaften ermöglichte. Eine auf den Kopf gestellte Briefmarke, wie sie auf der Postkarte nach Konstanz zu sehen ist, bedeutete „Gedenke mein.“

Geheime Botschaften zwischen Liebenden: Die Stellung der Briefmarken hatte seinerzeit eine Bedeutung.

Einen schönen Einblick in das Alltagsleben der damaligen Zeit gibt auch eine Postkarte, die ein Franzose am 2. März 1903 von Kassel in die Heimat schickte. Auf der Karte, die die alte Fuldabrücke zeigt, ist zu lesen: „In diesem Moment, drei Uhr 30, bin ich hier angekommen, gesund und munter, aber ein bisschen müde. Denn sich aufrecht zu halten während acht Stunden in einem Waggon, der dauernd hin- und herwackelt, das ist eine missliche Situation für einen alten Mann wie mich. Viele Liebe Grüße, Paul“.

Franzose schrieb nach strapaziöser Reise an seine Daheimgebliebenen: Diese Karte wurde 1903 von Kassel nach Frankreich geschickt.

Das Brückenmotiv wurde nach dem Geschmack des Zeitgeistes bearbeitet. „Es wurden Spaziergänger einretuschiert“, sagt Historiker Fischer. Denn im Bereich der Schlagd, der als Umschlagplatz für die Schifffahrt diente, waren nur Arbeiter tätig. In der bürgerlich-industriellen Gesellschaft war das Flanieren eine Freizeitbeschäftigungen geworden und ist häufig auf Kasseler Ansichtskarten dieser Zeit festgehalten.

Der Vorläufer der späteren Hausfrauenausstellung fand an der Orangerie statt: Motiv von der „Industrieausstellung für das Gesamtgebiet des Hauswesens“ aus dem Jahr 1870.

Aber auch andere kulturgeschichtliche Themen illustriert Fischer in seinem Vortrag anhand alter Postkarten und Bildern aus Illustrierten: So etwa die miserablen hygienischen Zustände in der Kasseler Altstadt oder das Schloss Wilhelmshöhe, das zeitweise Sommersitz von Kaiser Wilhelm II. war. Davon zeugen ebenfalls Postkarten, auf denen Kasseler davon schwärmen, soeben den Kaiser im Park gesehen zu haben.

Der Vortrag „Ansichtssache – Casselbilder aus der Zeit 1870-1919“ findet am 11. Januar, 19 Uhr, im Gemeindesaal von St. Elisabeth (Friedrichsplatz 13) statt. Er ist Teil des Postkartenprojekts des Vereins. Eintritt ist frei.

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