Amtsgericht lässt vermeintlichen Nazi-Aussteiger auf Bewährung frei

Kassel. Weil er sich „glaubwürdig von der rechten Szene distanziert hat“, wie Richter Kleinherne bei der Urteilsverkündung betonte, kam der 26-jährige Hauptangeklagte mit Bewährung und einer Geldbuße von 600 Euro davon.

Sein drei Jahre jüngerer Schwager und Mitbeschuldigter wurde freigesprochen. Beide waren vor dem Amtsgericht Kassel angeklagt, vor zwei Jahren einen 45-Jährigen vor einer Kneipe in Bettenhausen bis zur Bewusstlosigkeit zusammengetreten zu haben.

Bis heute leidet der Geschädigte unter den Folgen, ist berufsunfähig. Weil das Opfer selbst keine Erinnerungen mehr daran hat, war der Gewaltexzess nicht zur Gänze aufzuklären. Andere Zeugen konnten oder wollten nicht auspacken. Unstrittig war zumindest, dass der 26-jährige Hauptangeklagte an der Tat beteiligt war.

Dagegen hatte es das Gericht leichter, dem Bettenhausener die anderen Punkte zweifelsfrei nachzuweisen, wegen der er sich außerdem verantworten musste: Fahren ohne Fahrerlaubnis räumte er selbst ein, Beleidigung eines Taxifahrers als „Scheiß-Ausländer“ galt nach der Zeugenanhörung als belegt, und von einer weiteren Schlägerei gab es ein Handy-Video, das den Angeklagte in Aktion zeigte - mit diesem Päckchen wäre für den mehrfach Vorbestraften eine Haftstrafe drin gewesen.

„Bis zum heutigen Verhandlungstag war mir klar, dass es keinen Spielraum für eine Bewährung geben kann - nicht bei einem solchen Vorstrafenregister“, sagte Richter Kleinherne bei der Urteilsbegründung. Jedoch habe die Distanzierung des Angeklagten von der rechtsradikalen Szene „eine entscheidende Rolle gespielt“. Vor allem hiermit begründete Kleinherne die Aussetzung der Strafe zur Bewährung. Er stützte sich dabei auf die Bewährungshelferin. Diese hatte geschildert, dass sie den Bettenhausener seit neun Jahren betreue. „Damals habe ich einen unverbesserlichen Neonazi zugewiesen bekommen.“ Nach seiner letzten Inhaftierung sei er als geläutert entlassen worden und lasse sich die Hakenkreuz-Tätowierung, „die über den gesamten Rücken reicht“, jetzt entfernen. „Aus der rechten Szene ist er ausgestiegen.“

Ein Mann mit frisch rasierter Glatze und Blouson einer von Skinheads bevorzugten Marke hatte die Verhandlung im Zuschauerraum verfolgt. Aus seiner Hosentasche baumelte ein schwarzes Band. Die Aufschrift in Fraktur: „Klagt nicht, kämpft!“ - Wahlspruch einer Fallschirmjäger-Division der Wehrmacht. Während der Verhandlungspausen tuschelte und witzelte dieser mit den beiden Angeklagten auf dem Flur.

Und auch während des Prozesses gab es Momente, die eine Abkehr des 26-Jährigen von der rechtsradikalen Gesinnung fraglich erscheinen lassen. Als der Richter dessen Vorstrafen erörterte, zitierte er aus den Akten einen Satz des Angeklagten über einen Kneipenbesucher: „So einer wäre bei Hitler durch den Schornstein gejagt worden.“ Als dieser Spruch jetzt wieder im Gerichtssaal verlesen wurde, drückte der Beschuldigte das Kreuz durch, verschränkte die Arme vor der Brust und grinste breit.

Von Ralf Pasch

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.