39-Jähriger behandelte seine Freundin wie Vieh

Anderthalb Jahre Haft für Vergewaltiger

Kassel. Am Ende konnte sich der Angeklagte wieder einmal als Opfer fühlen, diesmal der Justiz. Zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilte ihn das Kasseler Landgericht am Montag - weil er seiner damaligen Freundin in die Scheide gegriffen hat, um nach dem Sperma eines angeblichen Liebhabers zu suchen.

Und zwar gegen den Willen der Frau, wie die Strafkammer nach zwei Verhandlungstagen überzeugt war.

An dieser Vergewaltigung gebe es keinen Zweifel, sagte Richter Jürgen Stanoschek - und wertete die Aussage des 39-Jährigen, dass die rüde gynäkologische Untersuchung einvernehmlich erfolgt sei, als reine Schutzbehauptung. „Das ist aberwitzig“, sagte der Richter. „Welche Frau lässt so etwas Erniedrigendes, Ekliges, Perverses, sich zu Vieh herabstufen zu lassen, freiwillig über sich ergehen?“

Der Angeklagte hatte die Vorwürfe als Racheaktion seiner Ex-Freundin dargestellt. Er allein sei das Opfer - nicht nur wegen dieser Intrige, sondern ganz grundsätzlich wegen der „Tortur“, die die Beziehung zu der 38-Jährigen für ihn gewesen sei. Dass er andersherum auch der Frau die Liebe zur Hölle gemacht hatte, war für ihn nicht der Rede wert. Dabei hatte er, als er im Mai 2012 die gewaltsame Intimkontrolle vornahm, gleich zweifach unter Bewährung gestanden - unter anderem, war er verurteilt worden, weil er seine Freundin mit Messern bedroht hatte.

Eifersucht, Misstrauen, Tätlichkeiten, Beschimpfungen: Die vierjährige Beziehung des Paars, die zusammen einen kleinen Sohn haben, war nicht eben das, was man gemeinhin glücklich nennt. „Höhen konnten wir nicht feststellen, nur die Tiefen ausloten“, befand Richter Stanoschek nüchtern. Sogar in aller Fernsehöffentlichkeit hatten der Angeklagte und seine Lebensgefährtin ihre Konflikte ausgetragen: als Gäste der Radautalkshow „Britt“ auf Sat 1.

Für den 39-Jährigen war das jedoch ausnahmslos die Schuld der Frau. „Ihr Problem ist“, sagte Richter Stanoschek, „Sie haben recht, die anderen haben nie recht.“ Psychiater Georg Stolpmann bescheinigte dem drogenabhängigen Angeklagten eine ausgeprägte dissoziale und narzisstische Persönlichkeitsstruktur. Er halte sich nicht an Regeln, habe ein übersteigertes Selbstwertgefühl und leide gleichzeitig unter krankhafter Eifersucht.

„Seine Sicht der Dinge ist ausgesprochen egozentrisch“, sagte der Gutachter. „Das geht in Richtung eines Größenwahns.“ Dennoch hielt den Stolpmann den Mann für voll schuldfähig.

Mit der verhängten Strafe ging das Gericht über die Forderung von Staatsanwalt Jan Uekermann hinaus, der ein Jahr Haft verlangt hatte. Verteidiger Bernd Pfläging hatte dagegen, weil Aussage gegen Aussage stehe, auf Freispruch plädiert. Wenig überraschend will der Angeklagte das Urteil nicht akzeptieren: Er kündigte umgehend an, in Revision zu gehen. Denn schließlich sei er ja das Opfer.

Von Joachim F. Tornau

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