Nazi-Mordserie

Andreas T. und seine Rolle beim Verfassungsschutz: Der geheime Briefträger

Terror in Kassel: Ein Veranstaltungsplakat mit den Köpfen der mutmaßlichen Mitglieder einer Neonazi-Zelle hängt an der Holländischen Straße neben dem Tatort, an dem 2006 Halit Yozgat getötet wurde. Foto: dpa

Kassel. Rein äußerlich ist Andreas T. der ideale Verfassungsschützer. Mittelgroß, mittelschwer, Halbglatze, brauner Anzug. Er sieht aus wie so viele. Er fällt nicht auf. Ein Vor-Ort-Bericht von HNA-Redakteur Frank Thonicke über den NSU-Ausschuss und den Auftritt des Hofgeismarers.

Auch bei seinen Antworten gibt sich der Hofgeismarer gemäßigt. Er spricht nicht leise, wird aber auch nicht laut. Er verfügt über keine großen Gesten, faltet allenfalls mal die Hände. In vier Stunden, die seine Befragung vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags dauert, trinkt er genau eine kleine Flasche Orangensaft.

Andreas T., so scheint es, ist Mittelmaß. Dass er plötzlich im Mittelpunkt einer großen Affäre, die sich langsam zum Skandal mausert, steht, ist offenbar wirklich nur Zufall: Vermutlich war er tatsächlich zur falschen Zeit am falschen Ort.

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Andreas T. war Stammgast im Internetcafé an der Holländischen Straße, in dem Halit Yozgat ermordet wurde. Erst lud er dort E-Mails auf Diskette, dann surfte er im Internet auf einer Flirt-Line nach Frauen. Das war ihm im Nachhinein peinlich, und darum vertraute er sich offenbar weder seiner schwangeren Frau noch anderen an - auch nicht der Polizei. Und so wurde aus dem mittelmäßigen Verfassungsschützer plötzlich ein Tatverdächtiger und nun Zeuge um die Versäumnisse in der Aufklärung der NSU-Mordserie.

Andreas T. gibt nichts Sensationelles von sich in der Befragung. Das darf er offenbar noch heute nicht, obwohl er längst als Verfassungsschützer suspendiert ist und nun im Kasseler Regierungspräsidium arbeitet. Aufpasser der Landesbehörden sitzen in der Reihe hinter dem Zeugen Andreas T. Und die schreiten ein, wenn gar zu Geheimes öffentlich werden könnte.

Nein, mit einem James Bond hat Andreas T. so gar nichts gemein. Er wurde Verfassungsschützer und Geheimnisträger, weil er eine Stellenausschreibung des Verfassungsschutzes im Amtsblatt der Oberpostdirektion Frankfurt las. Denn bevor Andreas T. Männer aus dem extremistischen Bereich als V-Leute führte, war er Briefträger und Schalterbeamter bei der Post in Hofgeismar.

Sein Hauptinformant in Kassel aus dem rechten Milieu war selbst nach Einschätzung von Andreas T. keine besonders ergiebige Quelle. Was seine Vorgesetzte, eine Frau namens Andrea P., beim hessischen Verfassungsschutz mit diesen spärlichen Informationen machte, weiß Andreas T. nicht. Rückmeldungen habe es jedenfalls keine gegeben.

Beim Geheimdienst habe es schon mal konspirative Treffen gegeben, um nicht abgehört zu werden. Also trafen sich Andrea P. und Andreas T. nach dem Mord an einer Raststätte. Die Polizei hörte dennoch mit. Gesprochen hätten die beiden über ganz menschliche Dinge. Nichts Dienstliches.

Von Frank Thonicke

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