Dr. Marwan Abou Taam über Integration als Mittel zur Bekämpfung von Terrorismus

Interview mit Islamwissenschaftler: „Anerkennung ist das Wichtigste“

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Marwan Abou Taam

Kassel. Der Islamwissenschaftler Dr. Marwan Abou Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz hat im Polizeipräsidium Nordhessen einen Vortrag über „Integration – Die bessere Prävention“ gehalten. Wir sprachen mit ihm über das Thema.

Sie sind Islamwissenschaftler. Welche Aufgaben haben Sie beim Landeskriminalamt von Rheinland-Pfalz?

Marwan Abou Taam: Ich bin Gutachter und Berater und werde bei politisch motivierter Kriminalität herangezogen, die von islamistischen Kreisen ausgeht.

Viele Straftaten werden von Ausländern begangen. Diese Meinung vertreten nicht wenige Einheimische. Was sagen Sie dazu?

Abou Taam: Es gibt keine Form der Kriminalität, die auf die ethnische Abstammung eines Menschen zurückzuführen ist. Kriminalität hat wenig mit Genetik, sondern immer etwas mit Rahmenbedingungen zu tun. Und in Deutschland leben Migranten, die allen sozialen Schichten angehören.

Warum werden Migranten in Deutschland radikal?

Abou Taam: Das hat in erster Linie nichts mit Migration zu tun. Viele, die auffallen, leben schon in der dritten Generation hier. Das hat viel mehr etwas mit Teilhabe zu tun. Auch deutsche Jugendliche, die keine Teilhabe an der Gesellschaft haben, radikalisieren sich eher als andere. Das ist bei muslimischen und deutschen Jugendlichen vergleichbar. Natürlich gibt es aber auch radikale Islamisten, die einwandern, wie zum Beispiel die Kofferbomber von Köln. Zudem gibt es Deutsche, die zum Islam konvertieren und Anschläge begehen.

Wie kann man Teilhabe an der Gesellschaft fördern?

Abou Taam: Bildung ist ein wichtiges Instrument. In einer Wissensgesellschaft wie in Deutschland sind ungebildete Menschen benachteiligt und haben es sehr schwer. Ihnen fehlt dann auch die Anerkennung.

Anerkennung ist genauso wichtig wie Bildung?

Abou Taam: Für Menschen ist es das Wichtigste im Leben, anerkannt zu werden. Das ist auch ein Grund, warum sie sich Gruppierungen anschließen. Die Ideologie ist da eher zweitrangig. Den Menschen ist es wichtig, dass sie ihren Platz in der Gruppe finden. Die Gruppendynamik macht auch die Bindekraft aus. Es ist kein Zufall, dass viele radikale Gruppen Männerbünde sind.

Was kann die Gesellschaft tun, dass sich mehr Menschen als Teil von ihr verstehen?

Abou Taam: Das hat eine große emotionale Komponente. Unsere Gesellschaft muss anerkennen, dass sie längst eine Migrationsgesellschaft ist. Da hilft es auch nichts zu jammern. Wenn man diese Realität akzeptiert hat, dann sind alle gefragt, aufeinander zuzugehen. Der deutsche Staat muss auch Moscheen mit muslimischen Symbolen wie ein Minarett zulassen. Muslimische Gemeinden müssen einsehen, dass sie ihre Kinder um eine Chance berauben, wenn sie einen Widerspruch zwischen ihrem Glauben und der deutschen Staatsangehörigkeit sehen.

In einigen Schulen wird mittlerweile muslimischer Religionsunterricht angeboten. Was halten Sie davon?

Abou Taam: Nicht viel. Religions- oder Ethikunterricht macht Sinn, wenn alle Kinder, egal welcher Herkunft, gemeinsam unterrichtet werden. Wir müssen endlich lernen, nicht das zu zelebrieren, was uns unterscheidet. Gute Staatsbürger auszubilden, ist viel wichtiger als Religionsunterricht. Wenn alle die Grundrechte unserer Verfassung verstanden haben und diese auch für sich einfordern, dann sind sie auch Demokraten.

Durch Ihre Ansichten werden Sie sicherlich oft kritisiert?

Abou Taam: Das stimmt. Von salafistischen Kreisen bin ich als Schoßhund der deutschen Polizei bezeichnet worden, rechtsextreme Gruppen haben mir unterstellt, ich wolle Deutschland islamisieren.

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