Tiere von der Dönche suchen im Winter frische Blumen auf dem Westfriedhof

Westfriedhof: Grabschänder waren Rehe

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Weitläufiges Gelände: Auf dem Westfriedhof in Süsterfeld-Helleböhn suchen im Winter Rehe am frischen Grabschmuck Nahrung.

Kassel. Ein schlimmer Anblick bot sich Angehörigen einer kürzlich verstorbenen Frau, als sie die Grabstätte auf dem Westfriedhof  aufsuchten. Der gesamte Sargschmuck war augenscheinlich geplündert worden. Vandalismus war es dieses Mal allerdings nicht, die Erklärung ist eine andere.

„Die Rosenköpfe von den Buquets und Kränzen waren abgeschnitten oder abgerissen, alle Blumen fehlten“, schildert Iris G., die Tochter der Verstorbenen. „Es sah aus wie auf dem Schlachtfeld“, sagt die 50-Jährige, die aus Kassel stammt und heute bei München wohnt. Sie und ihre Familie sind erschüttert von dem offenbar völlig pietätlosen Vorgehen der Täter.

Einige Meter weiter habe die Familie andere Angehörige an einem frischen Grab gesprochen, die genauso verstört von dem vermeintlichen Blumendiebstahl auf dem Friedhof waren. Zwar sind Blumendiebstähle auf Kassels Friedhöfen schon häufiger vorgekommen, in diesem Fall erklärt sich die Sache aber anders. Die Blumen wurden nicht geklaut, sondern von Rehen gefressen, erklärt Jürgen Rehs, Leiter der Friedhofsverwaltung.

Das Problem sei schon häufiger aufgetaucht, besonders in harten Wintern, wenn das Nahrungsangebot der Rehe in der freien Natur eingeschränkt sei. „Die Tiere haben offenbar gelernt, dass sie auf dem Friedhof immer frische Blumen finden“, sagt Rehs. An den Spuren im Schnee oder im weichen Boden habe man eindeutig nachgewiesen, dass es sich um Rehe handele.

Die Tiere kämen offenbar von der nahegelegenen Dönche durch undichte Stellen im Zaun oder schlicht durch die Eingangstore, wenn diese offenstehen. Die Friedhofsverwaltung hatte, um die Fraßschäden einzudämmen, Ende vergangenen Jahres bereits einen Jagdpächter beauftragt. Der habe drei Rehe auf dem Friedhofsgelände geschossen, sagt Rehs. Jetzt sei aber Schonzeit und die Wildtiere dürften nicht mehr gejagt werden.

Um sie so gut es geht vom Friedhof fernzuhalten, wolle man versuchen, eventuelle Lücken im Zaun zu finden und abzudichten, sagt Rehs. Hundertprozentigen Schutz werde aber auch das nicht bringen, vermutet er.

Momentan gebe es am Westfriedhof viele Anrufe wegen vermeintliche Grabschändung, berichtet Ellen Nokiel. „Der einzige Trost – auch wenn es für Angehörige nicht schöner wird dadurch – ist vielleicht, dass sich die Tiere sattfressen konnten“, sagt die Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung. Besonders auf Rosen und Nelken hätten es die Rehe abgesehen, hat Ellen Nokiel beobachtet. An Gerbera hingegen gingen sie nicht heran.

Von Katja Rudolph

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