Klinik statt Hausbesuch

Angehörige kritisieren die medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnerin

Sie kämpft für ihre Schwester: Sarah Rauh wünscht sich eine bessere hausärztliche Versorgung für ihre Schwester Janina, die seit mehr als zwei Jahren im Wachkoma liegt. Einen Platz hat sie im Diakonie-Zentrum für Schädel-Hirn-Verletzte Nordhessen (ZeHN), einer Wohn- und Pflegeeinrichtung an der Herkulesstraße im Vorderen Westen, gefunden. Foto: Malmus

Kassel. Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt aufgrund unserer immer älter werdenden Gesellschaft und einer verbesserten Unfallmedizin. Die ärztliche Versorgung dieser Menschen in Pflegeeinrichtungen – in Kassel gibt es rund 2000 Plätze – steht vor neuen Herausforderungen.

Wenn Janina Rauh Bauchschmerzen hat, kann sie das nicht aussprechen. Sie kann sich nicht in das Wartezimmer ihres Hausarztes setzen, um anschließend eine Diagnose und ein Rezept zu erhalten.

Sie ist auf einen Arzt angewiesen, der zu ihr kommt. Infolge einer Lungenembolie liegt die 31-jährige gebürtige Bad Wildungerin seit mehr als zwei Jahren im Wachkoma. Mit dem Diakonie-Zentrum für Schädel-Hirn-Verletzte Nordhessen (ZeHN) an der Herkulesstraße hat ihre Familie eine Einrichtung gefunden, in der sie Janina seit Dezember 2013 gut aufgehoben weiß. Doch einen eigenen Hausarzt, der die junge Frau betreut, sucht die Familie vergebens. Alle Anrufe liefen bislang ins Leere, schildert Janinas Schwester Sarah Rauh die Suche nach einem Allgemeinmediziner. Die ambulante Versorgung von Heimpatienten sei wegen des Aufwands und aus Kostengründen für Hausärzte offenbar nur wenig attraktiv. „An Patienten wie meiner Schwester verdienen die ja nichts“, sagt die 34-Jährige. Die Einrichtung im Vorderen Westen bietet einen Hausarzt für alle 27 Bewohner an, der aber nur zweimal im Monat zur Visite kommt - in Urlaubszeiten auch nur alle vier Wochen.

Irmgard Spies

Was aber, wenn Janina Rauh akut einen Mediziner braucht? Dann muss das Pflegepersonal die Notarztzentrale verständigen, die einen diensthabenden Arzt schickt, erläutert ZeHN-Pflegedienst- und Heimleiterin Irmgard Spies. Also einen Mediziner, der Janina Rauh nicht kennt, sie erstmals untersucht und aufgrund ihres Krankheitsbilds meist gleich stationär einweist.

Mit dem Rettungswagen wird sie dann - einmal um den Block - in die benachbarten Diakonie-Kliniken gefahren. „Die anstrengenden Krankenhausbesuche werfen sie jedes Mal zurück“, sagt Sarah Rauh. Dabei habe sich der Zustand ihrer Schwester zuletzt deutlich verbessert: „Sie bewegt ihren Kopf, weint bei emotionalen Geschichten, reagiert sporadisch mit Geräuschen und spürt Berührungen.“

Sarah Rauh und ihre Mutter Gisela, die sich mit aller Kraft für die Betreuung von Janina einsetzen, wünschen sich einen Arzt, der auch abseits der Visite Ansprechpartner ist.

Die Pflegeeinrichtung ZeHN hält am bestehenden Versorgungsmodell fest. „Wir haben einen Hausarzt, der die medizinische Betreuung unserer Bewohner gern übernimmt“, erklärt Irmgard Spies. Gleichwohl stehe es jedem Bewohner frei, einen eigenen Arzt mitzubringen, erläutert sie und verweist auf das Recht auf freie Arztwahl. Spies weiß aus Berufserfahrung aber auch: „Viele Hausärzte lehnen Bewohner wie unsere mit einem sehr hohen Versorgungsgrad ab.“ Der Knackpunkt liege im System: Ärzte erhielten kaum Anreize, die Versorgung von Heimbewohnern zu übernehmen. Und die allgemeine kassenärztliche Versorgung berücksichtige zu wenig die Herausforderungen in der Pflege schwerstpflegebedürftiger Menschen.

Haben Sie Angehörige in Pflegeheimen? Welche Erfahrungen haben Sie mit der ambulanten Versorgung gemacht? Mailen Sie uns an kassel@hna.de

Hintergrund: 22 stationäre Pflegeheime

In Kassel gibt es rund 2000 Plätze in 22 stationären Pflegeeinrichtungen. Hinzu kommen spezielle Wohn- und Pflegeinrichtungen. Einen hausärztlichen Versorgungsengpass gibt es nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung nicht. Gleichwohl sei der geschilderte Fall kein Einzelfall, sagt Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamts Region Kassel. „Die Anforderungen an Pflege- und Altenheime sind immens gewachsen, doch die Strukturen wurden nicht umgestellt.“ Eigene Heimärzte seien indes sehr kostspielig.

Generell müsse die ärztliche Versorgung in Heimen auf andere Füße gestellt werden, sagt Müller. So gebe es in anderen Bundesländern Ärztenetze, die bei der Versorgung von Heimbewohnern kooperieren. Auch der Bedarf an Ärzten mit geriatrischer Kompetenz steige.

Das sagt der Ärzteverband DOXS

Dr. Stefan Pollmächer, Sprecher der nordhessischen Ärztevereinigung DOXS, kann den Wunsch der Angehörigen nach einer besseren medizinischen Versorgung nachvollziehen. Die geschilderte allgemeinärztliche Versorgung sei „nicht optimal“.

Pollmächer erläutert aber auch, warum Allgemeinmediziner Hausbesuche und Visiten in Pflegeheimen zumeist ablehnen. Die Betreuung von schwer pflegebedürftigen Heimpatienten sei „wirtschaftlich kaum darstellbar“, sagt er mit Blick auf Zeitaufwand und komplexe Krankheitsbilder. Er verweist auf Hausbesuche, während denen die eigene Praxis verwaist bleibt, und auch auf das Arznei- und Heilmittelbudget, das bei der Versorgung von schwer pflegebedürftigen Patienten nicht gerechtfertigt sei. „Kein Arzt weiß, wie viel von seinem Budget er verbraucht hat, und jeder hat Angst, dieses zu überschreiten, weil er dann in die eigene Tasche greifen muss.“

Die ambulante medizinische Versorgung durch niedergelassene Ärzte sei für Einrichtungen mit hohem ärztlichen Aufwand eigentlich nicht ausgelegt. Wenn diese keine angemessene hausärztliche Versorgung vorhalten können, müssten dies Krankenkassen leisten, sagt Pollmächer. Denn: „Wir werden künftig immer mehr schwer pflegebedürftige Menschen haben.“

Das sagt die Kasseler Initiative

Peter Ludwig Eisenberg von der Kasseler Initiative zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen bezeichnet die derzeitige ärztliche Versorgung in Pflegeheimen als „völlig inakzeptabel“.

Er plädiert für ein Verbundsystem von Hausärzten, die sich die Betreuung von Heimpatienten teilen. Die Bundesärztekammer habe mit den Verbänden der Krankenversicherung entsprechende Regelungen entwickelt. Dazu zählten wöchentliche Visiten und gegenseitige Vertretung einschließlich Bereitschaftsdienst. Alternativ schlägt er im konkreten Fall eine Zusammenarbeit zwischen ZeHN und den benachbarten Diakonie-Kliniken auf der Grundlage von Kooperationsverträgen vor. ZeHN verweist indes auf die im Gesundheitssystem vorherrschende strikte Trennung zwischen ambulantem und stationärem Bereich.

Den Rechtsanspruch auf die freie Arztwahl von Heimbewohnern, den ZeHN anführt, hält er für vorgeschoben. Laut Sozialgesetzbuch könnten Pflegeeinrichtungen sehr wohl Kooperationsverträge mit Hausärzten schließen. Grundsätzlich dürfe nicht zugelassen werden, dass „die Probleme unter fadenscheinigen Gründen von allen Beteiligten hin- und hergeschoben werden“.

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