Raubüberfälle auf Prostituierte: Angeklagter leugnet trotz DNA-Spur

Kassel. Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zu Wochenbeginn hatte die Polizei stolz einen Ermittlungserfolg verkündet: Dank der Auswertung von DNA-Spuren habe ein 33-Jähriger aus dem thüringischen Eichsfeld zweier brutaler Raubüberfälle auf Prostituierte in Kassel überführt werden können.

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Von denen einer mehr als ein Jahrzehnt ungeklärt war. Eine glasklare Angelegenheit, so schien es. Jetzt muss sich der mutmaßliche Täter nun vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Besonders schweren Raub in zwei Fällen legt ihm die Staatsanwaltschaft zur Last. Doch wer nach der triumphalen Pressemitteilung der Polizei einen reuigen Angeklagten und einen kurzen Prozess erwartet hatte, sah sich getäuscht.

„Ich war das nicht“, verkündete der 33-Jährige. Vor langer Zeit, im Jahr 2000, sei er zweimal in einem Kasseler Bordell gewesen, gab er zu. Aber den illegalen Drogenstrich an der Hauptpost, wo beide Opfer von ihrem Peiniger aufgesammelt worden waren? Da sei er nie gewesen. „Den kenne ich nicht mal.“ Und für die jüngere der beiden Taten bot er gleich mehrere Alibi-Zeugen auf.

Laut Anklage soll er an jenem Januarabend 2011 eine heute 29-Jährige geschlagen, getreten und ihres Portmonees beraubt haben, weil sie sich dem von ihm gewünschten Analverkehr verweigert habe. Doch der Mann beteuerte, zu dieser Zeit zwar in Kassel, aber ausschließlich zu Besuch bei Verwandten gewesen zu sein – mit Frau und Kindern. Was vor Gericht nicht nur seine Gattin, sondern auch Schwager und Schwägerin bestätigten. Und anders als von der Polizei mitgeteilt, gibt es in diesem Fall keine DNA-Spuren.

Das Opfer will sich jedoch das Autokennzeichen des gewalttätigen Freiers gemerkt haben. Und vor Gericht zweifelte sie keine Sekunde: „Ich erkenne ihn wieder.“ Da war die zweite Geschädigte, die bereits im März 2001 von einem ausrastenden Freier übel zugerichtet und um Jacke, Handy und Geldbörse gebracht worden war, eine weniger dankbare Zeugin.

Die heute 43-Jährige ist nicht nur drogenabhängig, sondern leidet auch unter Schizophrenie. Entsprechend getrübt ist ihre Erinnerung nach elf Jahren – und ihre Aussage reich an Ungereimtheiten. Aber: Sie hatte die Ermittler damals zum Tatort an der Hafenstraße geführt und ihnen das Kondom gezeigt, das der Täter benutzt und weggeworfen hatte.

Und nach dem neuerlichen Raubüberfall konnte endlich geklärt werden, wer seine DNA-Spur an dem Präservativ hinterlassen hatte: Nach dem Gutachten des hessischen Landeskriminalamts war es der 33-jährige Eichsfelder. Der jedoch nie am Kasseler Hafen gewesen sein will. Wie das sein könne? „Das“, musste der Angeklagte einräumen, „kann ich mir auch nicht erklären.“

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. (jft)

Von Joachim Tornau

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