Skurriler Prozess mit einem traurigen Ende

Hackebreit mit Hackebeilchen: Alkoholiker nach Tat mit 4,14 Promille vor Gericht

Mit 4,14 Promille im Blut bedrohte ein 50-Jähriger seinen Nachbarn, um fünf Euro zu erpressen. Nach seiner Verurteilung am Landgericht sagt der Kasseler: "Ich habe vor mir selber Angst."

Die Geschichte allein hört sich unfassbar und skurril zugleich an: Mann bedroht Nachbarn mit einem Hackebeil, um so an fünf Euro zu kommen. Das ist so auch passiert, aber natürlich ist das nur eine Kurzversion dessen, was sich an jenem 12. Februar 2017 in einem Kasseler Wohnheim abgespielt hat.

In der Langfassung geht es vor allem um viel zu viel Alkohol und jede Menge Verzweiflung. Am Ende steht das Urteil des Landgerichts Kassel: eine Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten gegen jenen 50-Jährigen, der sich wegen schwerer räuberischer Erpressung und Körperverletzung verantworten musste. Aber was heißt das für einen, dessen Perspektive nur im Konsum von Alkohol zu bestehen scheint?

Der Prozess gibt vor allem Einblick in die Welt des Täters – in die Welt eines Mannes, der irgendwann zum Alkoholiker geworden ist und Straftaten begeht. Schon einmal war er im Gefängnis wegen einer Körperverletzung. In Freiheit beginnt er dann gleich wieder zu trinken. 2016 ist das. Als Obdachloser landet er in einem Kasseler Wohnheim und damit dort, wo für manche der Alkoholkonsum ein Himmelreich ist. Das ist eine Formulierung des Angeklagten, der im kasachischen Alma Ata geboren wurde, aber sich auf Deutsch gut auszudrücken weiß.

Er sitzt auf der Anklagebank, helles Hemd, schwarzes Jackett, die Haare akkurat geschnitten. Er stellt die Sache so dar, dass er gar nicht anders konnte, als immer wieder im Umfeld des Wohnheims zu trinken: „Da sind alle am Saufen bis zum Umfallen.“ Eine Flasche Wodka am Tag ist nichts. Er isst nichts, er trinkt nur. Manchmal setzt er selbst Notrufe ab: „Ich wusste, dass die Polizei mich einweisen kann.“

Dann kommt die Nacht auf den 12. Februar 2017. Sein Nachbar leiht sich fünf Euro für den Kauf von Tabak – mit dem Verweis, ihm das Geld erst im neuen Monat zurückgeben zu können. Der Angeklagte geht darauf ein. Als der Nachbar zurück ist, will er das Geld aber sofort wieder haben. Im zweiten Anlauf verleiht er der Forderung Nachdruck.

Es gehört zur Skurrilität dieses Prozesses, dass so recht niemand weiß, wie die Waffe bezeichnet wird, die der Mann seinem Opfer an den Hals gehalten hat. Hackebeil wäre wohl zu viel gesagt, glauben alle. Richter Gerd Rinninsland spricht dann in der Folge von einem „Hackebeilchen“, das in einer Küche zu finden sei. Das Opfer bezeichnet das Tatwerkzeug schlicht als Beil. Der 20-Jährige macht ohnehin kein großes Theater. Er erinnert sich an das, was er an jenem 12. Februar so dachte: „Gut, er steht jetzt mit nem Beil da.“

Das Opfer befreit sich aus der brenzligen Situation, springt aus dem Fenster und verständigt schließlich die Polizei. Sie rückt an, findet den Angeklagten vor – stark alkoholisiert. Die Ermittlungen ergeben, dass der Mann zur Tatzeit 4,14 Promille hatte. 4,14 Promille! Die Umgangssprache hat hierfür das Wort hackebreit erfunden.

Das Gericht befindet trotzdem, dass der Täter die Grenze zur Schuldunfähigkeit nicht überschritten hat. Das liegt an der Alkoholvergangenheit des Täters, zu der auch erfolglose Therapien gehören. Und jetzt? Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft muss er noch ein Jahr im Gefängnis verbringen. Die Perspektive? Trostlos.

Irgendwann während des Prozesses sagt der Mann einmal: „Ich habe nur vor mir selber Angst.“ Und irgendwann kommen ihm die Tränen.

Rubriklistenbild: © nh

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