Viele wollen jetzt helfen

Schülerin hat Angst auf dem Schulweg - überwältigende Hilfsangebote

Schulkind neben Erwachsenem auf Gehweg
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Unsicherer Schulweg morgens im Dunkeln: Eine 15 Jahre alte Schülerin ist in der Nähe des Tannenwäldchens schon einmal sexuell belästigt worden.

Eine 15 Jahre alte Schülerin hat Angst. Auf dem Weg in die Schule wurde sie bereits sexuell belästigt. Jetzt wollen viele helfen.

Update vom Freitag, den 30.10.2020: Kassel – E-Mails, Anrufe – und fast alle mit dem gleichen Inhalt: Wir wollen helfen. Wir zahlen die Fahrkarte. Auf den HNA-Artikel „Angst auf dem Weg zur Schule“ haben viele Leser reagiert und angeboten, einer 15-Jährigen zu helfen, deren Familie sich ein Schülerticket nicht leisten kann. Es gab sogar Vorschläge, ein Spendenkonto einzurichten.

Das ist dank der großzügigen Leser nicht nötig. Einer von ihnen heißt Michael Kerst. Der Unternehmer aus Kassel meldete sich als Erster. Er und seine Ehefrau Silvia Ellenberger möchten gern die Kosten von 365 Euro für ein Jahresticket übernehmen, sagt der 55-Jährige. Er habe selbst eine 15-jährige Tochter und könne die Sorgen der Mutter gut nachvollziehen. Die hatte sich an die HNA gewandt, weil ihre Tochter gezwungen ist, zu Fuß zur Albert-Schweitzer-Schule zu gehen. In den dunklen Monaten sei der Weg über das Tannenwäldchen aber zu unsicher – zumal das Mädchen in der Vergangenheit dort schon einmal sexuell belästigt wurde, berichtete die Mutter.

„Eine unfassbare Situation“

Für Kerst eine „unfassbare Situation“. Die Mutter schwer krank, die Familie lebe in prekären Verhältnissen, „aber die junge Frau wird im Stich gelassen. Sie tut mir leid.“ Er verstehe nicht, warum sozial benachteiligte Familien nicht automatisch ein kostenloses Ticket bekommen. Eine Fahrkarte wird aber nur dann erstattet, wenn der Weg zu einer weiterführenden Schule mehr als drei Kilometer beträgt.

Kerst sieht es als Aufgabe der Stadt an, Kinder herauszupicken, die Unterstützung benötigen. „Ich war überrascht, wie teuer so eine Fahrkarte ist“, sagt Kerst, der eigentlich gar nicht in der Zeitung auftauchen wollte.

Enttäuschung über Behörden groß

Das trifft auch auf Sebastian Schulze von Hanxleden zu. Dem 50 Jahre alten Kasseler geht es zuerst darum, dem „Mädchen schnell zu helfen“, wie er sagt. Beruflich sei er zwar von Corona geplagt, „aber ich will mich nicht beschweren. Ich unterstütze gern.“ Er kenne die Ecke am Tannenwäldchen – dort würde er seine eigene Tochter auch nicht gern allein entlang laufen lassen. Schulze von Hanxleden bedauert es, dass es Familien gibt, für die ein Schülerticket finanziell nicht drin ist. Es sei kein Zustand, dass „viel Geld für viel Mist ausgegeben wird“, aber einer Schülerin nicht geholfen werden könne: „Es tut weh, wenn man so etwas liest“, sagt er.

Christine und Peter Goedecke sind ebenfalls enttäuscht, „dass unsere Behörden bislang nicht geholfen haben“. Für das Rentnerpaar aus Nieste sei sofort klar gewesen, dass die Familie unterstützt werden müsse. „Damit nicht noch etwas passiert auf dem Schulweg.“ Und wie reagiert die Mutter der Schülerin? „Wahnsinn!“, sagt sie: „Ich bin echt gerührt, dass es so viele empathische Menschen gibt.“

Erstmeldung vom Montag, den 26.10.2020: Kassel - Manuela Meier ist verzweifelt (Name geändert). Ihre Tochter besucht das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Kassel (ASS). Der Name der 15-Jährigen soll ebenfalls nicht genannt werden, um möglichem Mobbing an der Schule vorzubeugen. Ein Schülerticket kann sich die Familie nicht leisten. Zu Fuß soll die Tochter aber auch nicht zur Schule gehen, da der Weg über das Tannenwäldchen zu gefährlich ist. Das Problem: Das Mädchen hat keinen Anspruch auf Übernahme der Fahrkosten.

Doch die Mutter hat Angst um ihre Tochter. Deswegen hat sie sich an die HNA gewandt. Darum geht es in dieser Angelegenheit:

Die Ausgangslage

Manuela Meier leidet an Knochenkrebs und ist daher nicht berufstätig. Ihr Mann bekommt Hartz 4 zur Aufstockung, da er zu Hause seine Frau pflegt. Finanziell reiche es gerade so für den Lebensunterhalt, berichtet Meier. Kurzum: „Die 365 Euro im Jahr für das Schülerticket sind nicht drin.“ Erschwerend kommt hinzu, dass der Mann keinen Führerschein besitzt und alle näheren Verwandten zu weit weg wohnen. Die Tochter ist also gezwungen, zu Fuß zu gehen.

Der Schulweg

Sie kämpfe schon seit Längerem für eine Erstattung, sagt Meier. Nach dem Hessischen Schulgesetz werden Fahrkosten aber nur dann vom Schulträger übernommen, wenn der Weg zu einer weiterführenden Schule mehr als drei Kilometer beträgt. Das ist hier nicht der Fall. Die Familie lebt in Rothenditmold in der Naumburger Straße. Der reguläre Schulweg über das Tannenwäldchen bis zur Kölnischen Straße ist etwa 1800 Meter lang. Dieser Weg ist der Mutter aber zu unsicher. „Besonders in den Wintermonaten habe ich große Angst, meine Tochter um 6.50 Uhr durch die Dunkelheit zu schicken“, sagt sie. Zumal der Weg nicht ausreichend beleuchtet sei.

Die Vorgeschichte

Die Sorgen der Mutter kommen nicht von ungefähr. Im November 2017 wurde die Tochter auf dem Schulweg im Tannenwäldchen sexuell belästigt und bedrängt. So berichtet Meier. Die Polizei habe damals geraten, „dass wir eine Fahrkarte aufgrund des gefährlichen Schulwegs beantragen sollten“, was die Familie auch tat. Das Amt für Schule und Bildung der Stadt Kassel habe zwar eingesehen, dass der Weg übers Tannenwäldchen zu gefährlich sei. Der Antrag wurde dennoch abgelehnt.

Stattdessen gab es den Rat, einen alternativen Weg zu wählen. Der sollte über die Wolfhager Straße führen, über die Fußgängertreppe an der Scheffelstraße und am Kulturbahnhof entlang bis zur Kölnischen Straße. Diese Strecke wäre nicht nur wesentlich länger gewesen – allerdings noch unter den nötigen drei Kilometern für die Erstattung. Darüber hinaus hätte die Tochter durchs Drogen- und Rotlichtmilieu laufen müssen. Diese Alternative kam nicht infrage.

Immerhin: Nach einer weiteren Anfrage bekam die Familie für einen Teil des zweiten Schulhalbjahres das Ticket erstattet.

Die Gegenwart

Logisch, dass auch der 15-Jährigen zu Beginn der dunklen Jahreszeit mulmig zumute ist. Zumal es einen erneuten Vorfall gab. Vor den Herbstferien wurde die Schülerin zweimal von einem Mann in der Nähe des Tannenwäldchens angesprochen, wie Manuela Meier berichtet. Nach Aussage der Tochter hatte der Mann Erbrochenes im Bart.

Ein Schulwechsel steht nicht zur Diskussion. Die Tochter komme gut zurecht an der ASS, sie habe dort ihre Freunde, und es bedeute ihr viel, diese Schule besuchen zu können, sagt die Mutter, die nun auf eine Lösung hofft. Damit nicht „aus finanziellen Gründen die Sicherheit oder die Bildung leiden muss“.

Das sagt die Schulleitung

Markus Crede erklärt, dass der Schule die Hände gebunden seien. In Sachen kostenloses Ticket könne die Albert-Schweitzer-Schule (ASS) nichts ausrichten. „Ich hoffe aber auf eine Lösung für die Schülerin.“ Crede weiß, dass es für Behörden schwierig ist, Präzedenzfälle zu schaffen. Grundsätzlich vertritt er die Meinung, dass jeder Schüler eine kostenlose Fahrberechtigung haben sollte. „Bei uns in der Kölnischen Straße ist zu den Bring- und Abholzeiten viel los.“ Mehr kostenlose Tickets könnten den Verkehr vor der Schule entlasten.

Die Stadt will helfen

„Es liegt kein Antrag der Familie für ein kostenloses Schülerticket vor“, sagt Ulrike Gote (Grüne). Kassels Schuldezernentin sichert aber Hilfe zu. Wie die im Detail aussehen soll, müsse geklärt werden: „Wir werden auf die Familie zugehen“, sagt Gote, in deren Zuständigkeit das Jugendamt fällt. Gerade im Hinblick auf sexuelle Übergriffe müssten junge Menschen geschützt werden, sagt Gote, um möglichen psychischen Traumata vorzubeugen. (Robin Lipke)

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