Neonazis in Kassel: „Angst vor diesen Schlägertypen“

Sitzt derzeit eine Haftstrafe ab: Bernd T., der Gründer der Kameradschaft „Sturm 18 Cassel“. Archivfoto:  nh

Kassel. Neonazis sind auch in Kassel Realität: In der Nordstadt fallen die Anhänger der rechtsextremen Kameradschaft „Sturm 18“ unangenehm auf.

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„Wenn hier jemand sagt, er hat keine Probleme mit denen, dann lügt er“, sagt der Geschäftsmann aus der Nordstadt. Der Mann, der unerkannt bleiben will, spricht von „acht bis zehn riesengroßen Männern, die mit Bierflaschen in der Hand durch die Straßen ziehen und Schimpfwörter brüllen“. Er habe gehört, wie sie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gerufen haben. Und er habe auch beobachtet, wie die Gruppe gegen ein Auto getreten hat. „Meinen Laden haben sie zum Glück noch nicht betreten, obwohl ich das billigste Bier habe.“

Der Geschäftsmann spricht über die rechtsextreme Kameradschaft „Sturm 18“, die von dem mehrfach verurteilten und derzeit eine Haftstrafe absitzenden Bernd T. im Jahr 2000 in Kassel ins Leben gerufen worden ist. Obwohl Bernd T. derzeit hinter Gittern sitzt, ist in der Nordstadt keine Ruhe eingekehrt. „Ich habe ein paar Mal überlegt, die Polizei anzurufen. Manchmal habe ich das Gefühl, die Beamten warten erst darauf, dass etwas passiert. Die Leute hier haben vor diesen Schlägertypen Angst“, sagt der Geschäftsmann.

Er habe auch von türkischen Jugendlichen gehört, die sich organisiert haben, um sich mit den Rechten zu prügeln. Kirsten Neumann vom „Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Hessen“ (MBT) in Kassel sagt, dass zu der Kerngruppe von „Sturm 18“ weniger als zehn Leute gehören, die sich selbst als Neonazis verstünden. Der Auftritt der Männer entspreche der klassischen Skinhead-Kultur: Sie tragen Springerstiefel, Bomberjacken und Glatze. Warum sich die rechte Gruppierung gerade in der Nordstadt, in der viele Ausländer leben, niedergelassen hat? Ein Grund seien sicherlich die günstigen Mieten, sagt Neumann.

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Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin berichtet davon, dass es in diesem Jahr bereits Beleidigungen und Attacken der „Sturm-18-Anhänger“ gegen politische Gegner gegeben habe. Ein Aktivist ist angeklagt, weil er im Kommunalwahlkampf an einem Stand der Linken gepöbelt und den Hitler-Gruß gezeigt haben soll. Dennoch dürfe man diese Gruppierung „nicht überschätzen: Es gibt Städte, da ist die Problematik mit den Neonazis schlimmer.“ Die Kameradschaft „Sturm 18“ falle in der Nordstadt auch auf, weil sie mit einem Bollerwagen, beladen mit einer Kiste Bier, Richtung Innenstadt ziehe. Beliebter Treffpunkt sei der Königsplatz. Dort gesellten sich dann auch andere Personen zum harten Kern der Neonazis. Es wird gemeinsam getrunken.

Mit Bier und Wodka-Waldmeister decken sich die Männer aus der Nordstadt auch im Getränkemarkt von Marco Wenzel an der Eisenschmiede ein. Der Inhaber des Edeka-Neukauf-Marktes sagt: Das äußere Erscheinungsbild lasse darauf schließen, „dass es Rechte sind, die in unserem Markt einkaufen.“ Vor einem halben Jahr habe er die Gruppe aufgefordert, nicht vor seinem Markt zu trinken. Seitdem seien ihm keine Vorfälle mehr zu Ohren gekommen.

Er habe auch keine Hinweise von Kunden bekommen, darunter sind zahlreiche Ausländer, dass sie von den Männern belästigt würden. Die kauften manchmal zu zweit, zu fünft oder sechst ein, sagt eine Mitarbeiterin. „Auch gegenüber unserer ausländischen Kollegin verhalten die sich normal.“ (use)

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