Adena aus Kassel erlebte familiäre Gewalt und flüchtete

Geschlagen, gedemütigt, mit "Ehrenmord" bedroht: Die Angst vor dem Vater bleibt

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Häusliche Gewalt: Immer wieder durchlitt Adena aus Kassel Demütigungen und gewalttätige Übergriffe, wie auf unserem Symbolbild dargestellt.

Wenn Adena an früher denkt, ist es manchmal, als fühle sie die Schläge noch einmal. Die Schläge in den Unterleib, die Tritte gegen die Beine, die Schläge mit der Faust ins Gesicht. Sie weiß dann wieder, wie sich das anfühlte, im Wohnzimmer der Eltern, während im Fernseher Al Dschasira lief.

An der Wand lächelten Verwandte von gerahmten Farbbildern, auf dem Tisch standen weiße Rosen. Und sie bibberte vor ihrem Vater und war ihm ausgeliefert, weinte und flehte ihn an, aufzuhören.

Adena heißt eigentlich anders. Man muss sie heute schützen vor ihrem Vater. Sie ist umgezogen von Kassel in eine deutsche Großstadt, wo niemand von ihrer Vergangenheit weiß. Der Vater hat gedroht, sie umzubringen, weil sie mit 19 Jahren von zu Hause abgehauen und untergetaucht ist. Weil sie die Ehre der Familie beschmutzt habe. Ihr ganzes Leben war Adena von ihrem Vater geschlagen und gedemütigt worden, bis sie endlich fliehen konnte.

Taff und doch verletzlich

„Eine schöne Kindheit und Jugend hatte ich nicht. Aber mich hat das alles stark gemacht“, sagt die heute 22-Jährige. Die junge Frau wirkt tatsächlich taff und aufgeräumt, fast etwas abgebrüht. Und doch scheint ihre Verletzlichkeit hin und wieder in dem Gespräch durch. Adena war drei Jahre alt, als ihre Eltern von Algerien nach Kassel übersiedelten. Deutschland sollte der Familie mehr Freiheit und ein besseres Leben bringen. Einen guten Job für den Vater, eine gute Schule für die Kinder, eine schöne Wohnung für alle. Eigentlich klappte alles wie gewünscht. Trotzdem fing der Vater irgendwann an, seine vier Kinder zu schlagen, vor allem Adena, die Älteste.

„Als ich zehn Jahre alt war, schlug er mich, bevor er zur Arbeit ging. Und wenn er zurückkam, schon wieder.“ Der Vater brauchte gar keinen Grund zuzuschlagen, er tat es aus Lust an der Gewalt, glaubt sie. Oft spuckte ihr der Vater ins Gesicht, um ihr seine Verachtung zu zeigen. Außerdem sperrte er sie und ihre Schwester in ihrem Zimmer ein wie Tiere, stellte ihnen einen Eimer hin, falls sie auf die Toilette müssen. Als er am nächsten Tag wieder aufschloss, bewarf er seine Töchter mit dem Eimer und seinem Inhalt.

„Hätte ich in der Zeit meinen Glauben an Gott nicht gehabt, hätte ich mich wohl umgebracht“, sagt Adena. Als sie es nicht mehr aushielt, beschloss sie Ende 2007 abzuhauen. Sie schlief bei Freunden in der Kasseler Innenstadt. Doch ihr Vater entdeckte sie am Hauptbahnhof, holte sie zurück, prügelte sie so sehr, dass sie am Kopf blutete. Er drohte ihr: Wenn sie das noch mal machen würde, werde er sie töten. Adena wusste: Sie würde erneut fliehen. Sie verschwand bei der nächsten Gelegenheit.

Inzwischen war sie mit ihrem Freund Michael zusammen. Mit ihm zog sie in die Großstadt. Zuerst übernachteten sie in einer Obdachlosenunterkunft. Per Telefon drohte der Vater den beiden weiter mit Gewalt. Und mit „Ehrenmord“. In dieser Zeit lernte das Paar die Streetworker der Off-Road-Kids-Stiftung kennen, die sich bundesweit um Straßenkinder kümmert.

Hilfe gefunden

Die Sozialarbeiter machten Adena und Michael Mut. Sie halfen bei Behördengängen und bei der Wohnungssuche. Sie stellten auf dem Einwohnermeldeamt sicher, dass die Identität der jungen Leute wegen der Bedrohung durch den Vater per Sperrvermerk anonymisiert werden müsse.

Die Eltern von Adena sind inzwischen getrennt. Die Mutter lebt noch in Kassel, der Vater wieder in Algerien. Trotzdem besteht die Gefahr, dass er zurückkommt und sich an seiner Tochter rächt. „Die Angst wird nie ganz weg sein“, sagt Adena. Sie und Michael haben inzwischen zwei kleine Kinder, eine schöne Wohnung. Und Träume für die Zukunft. Michael macht eine Lehre als Tischler, Adena möchte ihr Abi nachholen und Architektur studieren. Ihr Leben fängt vielleicht jetzt erst richtig an.

Internet: www.offroadkids.de

Von Christoph Wöhrle

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