Anlage unter Vorplatz

Atombunker unterm Hauptbahnhof: Eine bewegte Geschichte

Kassel. Er liegt im Herzen der Stadt, bietet 3000 Menschen Platz und fast jeder Kasseler ist schon einmal über ihn gelaufen. Nur gesehen hat ihn kaum jemand: Den stillgelegten Atom-Bunker unter dem Vorplatz des Hauptbahnhofs.

70 Jahre nach seinem Bau und 45 Jahre nach dem Umbau stellen wir ihn vor. Seine Geschichte ist wechselhaft: Nach einem kurzen Einsatz im Zweiten Weltkrieg war der Bunker als Zufluchtsort für den Fall eines Atomschlags der Ostmächte gedacht. Es blieb friedlich und so diente er anderen Zwecken: Nach dem Mauerfall nutzten ihn mehr als 16.000 DDR-Bürger als Verpflegungs- und Übernachtungsstelle.

Gebaut wurde die Anlage im Zweiten Weltkrieg. 1943 nahm die Deutsche Reichsbahn den Bunker in Betrieb, in den sich Reisende bei einem Bombenangriff retteten. Schon ein Jahr später wurde das Bauwerk durch eine Bombe stark beschädigt.

Als 1969 die inzwischen stillgelegte Unterführung für die Straßenbahn gebaut wurde, investierte der Bund 3,8 Mio. DM in den Ausbau des angrenzenden Bunkers – der Ost-West-Konflikt war gegenwärtig. Beim Umbau, der bis 1973 dauerte, wurde das Bauwerk auf 3000 Quadratmeter ausgebaut, die sich auf zwei Stockwerke verteilen. Im Notfall fänden dort 3000 Menschen Platz, aber schon im Zweiten Weltkrieg waren es oft mehr als 4000. Es war Kassels einziger Bunker, der vor Strahlen schützen sollte und für mehrwöchige Aufenthalte ausgelegt war.

56 Personen, darunter Krankenschwestern, Köche, Mechaniker, Bunkerordner und Schleusenwärter, gehörten zur Besatzung. Die Schleusenwärter waren für die Zählung der Flüchtenden an den fünf Eingängen verantwortlich. Ist die Kapazität erreicht ist, wird der Bunker geschlossen, dessen Haupteingang auf dem Bahnhofsvorplatz unter Metallklappen verborgen ist.

Fotos: So sieht es in Kassels Atombunker aus

So sieht es in Kassels Atombunker aus

Hinter den zwei Meter dicken Außenwänden stehen in Gängen und Schlafräumen fast 2000 Liegen, der Rest sind Sitzplätze. Auf vielen der Schlafplätze liegt noch heute ein Notpaket im Lederbeutel. In diesem befindet sich eine Rolle Klopapier, ein Teller, eine Tasse, ein Geschirrtuch und ein Kissen. Zwei Küchen dienen für die Versorgung.

Viele Beruhigungstabletten

Hinter weiteren Türen befinden sich Wasch- und Sanitätsräume. In den Medizinschränken liegen seit Jahrzehnten unangetastet Medikamente und Sanitätsmaterial: Darunter über 1000 Beruhigungstabletten und „Wochenbettpackungen für Normalgeburt“. Nebenan, im Büro des Bunkerwarts, sieht es aus wie im Technik-Museum.

Im Maschinenraum strotzt ein 590-PS-Schiffsdieselmotor. Dessen 50.000-Liter-Tank sollte im Kriegsfall für sechs Wochen eine unabhängige Stromversorgung sicherstellen. Zudem gibt es einen Wasserbehälter mit 40 Kubikmetern (45 Badewannen) Fassungsvermögen und zwei angeschlossene Tiefbrunnen. Eine Frischluftanlage reinigt die Luft und kühlt die Temperatur im Bunker herunter, die durch Menschenmassen steigt. Um ein Eindringen von Schadstoffen zu verhindern, herrscht im Einsatzfall ein Bar Überdruck.

Weil die Elektrik aus den 60er-Jahren stammt und viel Feuchtigkeit in den Bunker eindrang, ist er im jetzigen Zustand nicht nutzbar.

Keine Führung - Gesundheitsgefahr

Im Bunker unter dem Hauptbahnhof werden keine öffentlichen Führungen von der Kasseler Feuerwehr angeboten. Grund dafür ist eine Gesundheitsgefahr, die durch Schimmel ausgeht, der sich in dem feuchten Bauwerk gebildet hat. Deshalb hat das Gesundheitsamt Besichtigungen untersagt. Der Bunker gehört dem Bund, wird aber von der Stadt verwaltet. Öffentliche Führungen bietet die Feuerwehr aber im Bunker im Weinbergstollen an. (bal)

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