Kasselerin ist wegen der Nuklearkatastrophe aus Japan zurückgekehrt 

Idylle vor der Nuklearkatastrophe: Annika Glass mit ihrer japanischen Freundin Yuka Fujita am vergangenen Samstag unter einem Kirschbaum in beginnender Blüte in Tokio. Foto: Privat

Kassel. Sie muss sich zwingen, nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher die Ereignisse in Japan zu verfolgen. Für Annika Glass ist es schwer zu ertragen, was die Menschen, unter denen sie noch vor wenigen Tage selbst gelebt hat, jetzt durchmachen.

Die 19-Jährige war bis zum vergangenen Sonntag in Tokio. Jetzt ist die Kasselerin, die voriges Jahr ihr Abitur am Engelsburg-Gymnasium abgelegt und dann für ein Auslandsjahr nach Japan gegangen ist, zurück in Deutschland. Die Tage, die hinter ihr liegen und die überstürzte Rückkehr nach Kassel kommen ihr vor wie ein schrecklicher Traum. „Und ich denke immer, ich wache gleich auf.“

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Wenn ihre Mutter nicht darauf gedrängt hätte, dass Annika zurückkommt, als sich abzeichnete, dass das Kernkraftwerk Fukushima nach dem Beben und Tsunami nicht mehr sicher ist, wäre die 19-Jährige vielleicht immer noch in Tokio. Dort hatte sie auch am Tag des Bebens in einer deutschen Würstchenbude gejobbt. Den einzigen noch freien Platz im letzten Flieger nach Frankfurt hatte die Kasselerin am Sonntagabend bekommen. Am Flughafen sei alles voller Menschen gewesen, Schlafsäcke wurden verteilt, erzählt Annika Glass. Dennoch sei die Atmosphäre relativ entspannt gewesen. „Wenn man Panik gesehen hat, dann in den Gesichtern der ausländischen Touristen, die so schnell wie möglich weg wollten.“

Die Fahrt zum Flughafen sei ihr völlig surreal vorgekommen. Ihre Freundin Yuka hatte sie mit dem Auto gebracht, weil wegen der Gefahr von Nachbeben keine Bahnen mehr fuhren. „Die ganze Zeit heulten Sirenen wie im Krieg, und wir haben in der Ferne die Raffinerien von Chiba gesehen, die ausgebrannt sind.“ Jetzt in Sicherheit in der Wohnung ihrer Familie am Brasselsberg fällt es Annika Glass schwer, das Erlebte einzuordnen. Wie gelähmt vor Sorge um ihre Freunde fühle sie sich, ist kaum in der Lage, an etwas anderes zu denken, kann nicht nur wegen des Jetlags schlecht schlafen.

Ihre Freundin, die noch in Tokio ist, berichtet, dass es über längere Zeit keinen Strom mehr gibt und in den Läden inzwischen kaum noch Wasser und Lebensmittel zu kaufen sind. Die Menschen in Japan seien verhältnismäßig ruhig und gefasst, sagt Annika Glass. „Sie sind sehr stark.“ Doch die Hamsterkäufe wiesen darauf hin, dass die Bevölkerung nun doch zunehmend panisch wird, vermutet die Deutsche. „Es ist undenkbar in Japan, dass jemand einfach ausrastet oder seine Angst offen zeigt, das lassen die gesellschaftlichen Konventionen gar nicht zu.“ Deshalb habe auch sie selbst lange nicht realisiert, wie bedrohlich die Lage ist, sagt die junge Kasselerin. Im japanischen Fernsehen sei nach dem Beben zunächst nichts von der nuklearen Gefahr gesagt worden. „Das haben die Medien dort zunächst verschwiegen.“ Und auch in den Tagen danach sei die Bevölkerung in den Nachrichten immer beruhigt worden: Alles sei unter Kontrolle.

Die beiden Tage nach dem Beben, die sie noch in Tokio verbracht hat, seien völlig unaufgeregt gewesen. „Von großer Dramatik oder Apokalypse keine Spur.“ Natürlich sei das Mitgefühl mit den vom Tsunami Betroffenen groß gewesen, am Samstag habe sie mit ihrer Freundin noch im Tempel gebetet. „Aber die Tokioter waren super ruhig, es ging alles relativ normal seinen Lauf.“ Jetzt höre sie aber, dass immer mehr Einheimische die Stadt verlassen wollen. Sie hofft, dass ihre Freundin noch einen Flug nach Deutschland ergattern kann. Doch es gibt kein Benzin mehr und verlässliche Informationen über die Situation an den Flughäfen seien auch schwer zu bekommen. Der Albtraum geht weiter.

Von Katja Rudolph

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