Anstaltsbeirat zu den Zuständen in JVA-Wehlheiden: „Es läuft nichts aus dem Ruder“

+
Was ist hinter den Mauern des Gefängnisses in Wehlheiden los? Zu den Vorwürfen über angeblich herrschendes Chaos hat sich der Anstaltsbeirat der JVA Kassel I jetzt geäußert.

Die Liste der Vorwürfe, was in der Justizvollzugsanstalt Kassel I in Wehlheiden angeblich schiefläuft, ist lang: Die Trennung von Straf- und U-Gefangenen sei nicht gewährleistet, Gefangene seien zum Teil unbeaufsichtigt gewesen. Jetzt hat sich der Anstaltsbeirat zu Wort gemeldet.

Wie beurteilen Sie die Situation in der JVA I? Herrschen dort unhaltbare Zustände?

Gerhard Kähler: In jeder Institution einer solchen Größe - ob Krankenhaus, Uni oder Schule - gibt es immer mal Dinge, die nicht optimal laufen. Aber Missstände im engeren Sinne, dass man sagen müsste, hier läuft alles aus dem Ruder, herrschen sicher nicht. Wenn es Probleme gibt, muss man nach einer Lösung suchen. Und nach unserer Einschätzung klappt das auch ganz gut.

Inwieweit ist der Beirat über die internen Zustände informiert?

Kähler: Wir haben regelmäßig Kontakt mit der Interessenvertretung der Gefangenen und haben eine wöchentlich Sprechstunde in der JVA. Beschwerden, die an uns herangetragen werden, besprechen wir mit der Anstaltsleitung, mit der wir uns einmal im Monat treffen. Auf unsere Fragen bekommen wir auch immer eine Antwort. Von den aktuellen Vorwürfen haben wir zwischen unseren Sitzungen aus der Zeitung erfahren und dann natürlich nachgehakt.

Wenn Sie nichts wussten - wie kommt es dann zu den öffentlich gewordenen Vorwürfen?

Kähler: Man muss darüber nachdenken, wer diese Vorwürfe über die Presse erhoben hat. Es gibt zahlreiche Insassen, die nach ihrer Entlassung das Gefühl haben, sie hätten noch eine Rechnung offen mit Mitarbeitern, mit denen sie vielleicht nicht gut zurechtgekommen sind. Das äußert sich dann mitunter darin, dass sie sozusagen nachtreten. Zum Beispiel der Vorwurf, dass die JVA das Fernsehen abstellen würde, damit kritische Berichte nicht geschaut werden könnten: Das ist an den Haaren herbeigezogen. Für die TV-Technik ist eine externe Firma zuständig.

Aber auch aus dem Kreis der Mitarbeiter war Kritik an die Presse herangetragen worden.

Kähler: Mängel, die wie gesagt in großen Institutionen nun einmal auftreten, werden in der Regel durch interne Kritik und Gegenmaßnahmen abgestellt. Warum hier Bedienstete nicht diesen Weg wählten, sondern sich an die Öffentlichkeit, sprich: die Presse wandten, darüber können wir nur spekulieren, da die Bediensteten nicht an den Beirat herangetreten sind.

Einer der Hauptkritikpunkte war, dass der Grundsatz der Trennung zwischen U-Häftlingen und verurteilten Strafgefangenen nicht eingehalten wird.

Kähler: Diese Trennung wird so weit wie möglich eingehalten. Die U-Häftlinge sind in dem betreffenden Flügel durch ein Gitter getrennt von den Strafhäftlingen. Grundsätzlich entscheidet der Untersuchungsrichter, welche Vergünstigungen oder Auflagen ein U-Häftling hat, die Anstalt realisiert diese Vorgabe nur. Wenn keine Einschränkung vorliegt, kann es vorkommen, dass in unbelegte Zellen des U-Flügels Strafgefangene gelegt werden. Und zwar, um dem gesetzlichen Anspruch auf Einzelunterbringung gerecht zu werden. Das halte ich für legitim. Für die äußere und innere Sicherheit der Haftanstalt hat das keine Auswirkungen.

Es heißt auch, Häftlinge seien ohne Aufsicht gewesen, während die Bediensteten im Pausenraum Kaffee tranken.

Kähler: Dazu muss man die Abläufe im Knast kennen. Außer einer Stunde Freizeit sind Gefangene, die nicht arbeiten, den restlichen Tag in der Zelle. Es kann zwar sein, dass bei den sogenannten Hausarbeitern, die etwa beim Putzen helfen, nicht ständig jemand danebensteht. Aber von der rund um die Uhr besetzten Zentrale kann man alle sternförmig davon abgehenden Flügel einsehen. Daher ist es sicher nicht optimal, wenn alle Mitarbeiter gleichzeitig Pause machen, aber die Sicherheit war nicht gefährdet.

Wird es U-Häftlingen untersagt, ihre eigene Kleidung zu tragen?

Kähler: Das ist von ehemaligen Insassen kolportiert worden, und es ist falsch. Sie dürften es schon, sie wollen aber nicht. Denn für das Waschen, Ausbessern und den Wechsel der Kleidung müssten sie dann selbst Sorge tragen. Weil das so kompliziert ist, verzichten die U-Häftlinge darauf. Verboten ist es aber nicht.

Auch der Ruf nach einem Rücktritt von Anstaltsleiter Jörg-Uwe Meister war laut geworden. Ist er seiner Aufgabe gewachsen?

Kähler:Genauso gut wie seine Vorgänger. Es kann zwar sein, dass er nicht bis ins letzte Detail jeder Kleinigkeit Bescheid weiß. Aber dass Chaos ausgebrochen wäre und er nicht weiß, was los ist, stimmt in keinster Weise.

Von Katja Rudolph

Zur Person

Gerhard Kähler (65) ist seit 1982 Mitglied im Anstaltsbeirat der JVA Kassel I in Wehlheiden. Der pensionierte Lehrer hat von 1976 bis vor einigen Jahren als ehrenamtlicher Mitarbeiter eine Insassengruppe der SPD und später der Grünen geleitet. Kähler ist verheiratet und hat eine Tochter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.