Schlange bis zum Obelisken

Ansturm auf Impfstellen in Kassel und Region: „Kann doch nicht Sinn der Sache sein“

Die Menschenschlange vor dem Impfzentrum im Jugendamt am Scheidemannplatz in Kassel am 22. November 2021.
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Wie an einer Schnur aufgereiht: Die Schlange vor dem Impfzentrum im Jugendamt am Scheidemannplatz in Kassel. Hinten in der Schlange stehen Marlis und Hans Joachim Depta, die sich zum dritten Mal impfen lassen wollen.

Die neue Impfstelle in Kassel ist in Betrieb. Kurz nach der Öffnung ist der Andrang bereits enorm. Auch in Calden ist der Wunsch nach einer Impfung groß.

Kassel/Calden – Alles paletti. Martina Pfeffermann und Thomas Schmidt, die schon in der Aueparkhalle das Sagen hatten, werfen einen letzten Blick durch die Räume der neuen Impfstelle der Stadt im Erdgeschoss des Jugendamtes am Scheidemannplatz. Es kann losgehen.

Auf 300 Quadratmetern haben Helfer innerhalb einer Woche alles  hergerichtet: Empfangsbereich, Anmeldung, Wartebereich, drei Impfkabinen, noch ein Wartebereich und die Abmeldung. Pro Tag könnten 300 Impflinge ihre Dosis erhalten, erklärt Pfeffermann und ergänzt, dass bereits um kurz nach neun 40 Menschen vor der Tür gewartet hätten.

Corona-Impfungen in Kassel: Lange Schlangen vor Impfstellen

Eine Stunde später ist daraus ein Ansturm geworden. Um 10 Uhr macht die Anlaufstelle auf, kurz danach zieht sich die Schlange der Wartenden schon bis zum Obelisken hinunter – weit mehr als 100 Menschen. Wie an einer Schnur aufgereiht. Wer am Ende der Schlange noch schnell einen Kaffee von McDonalds bräuchte, müsste nicht weit laufen. Immerhin scheint die Sonne. „Die Verordnungen scheinen zu motivieren“, sagt Pfeffermann.

Die Annahme trifft auf Katrin Goldberg-Tekimarslan zu. Die 34-Jährige steht ganz hinten und will sich die zweite Impfung verabreichen lassen. Der Blick die Treppen hinauf Richtung ehemaliges EAM-Gebäude lässt erahnen, dass sie Geduld haben muss. Gut voran geht es nicht. Im Frühjahr war sie an Corona erkrankt. Zuletzt habe sie Ärger gehabt, weil sie keinen positiven PCR-Test aus dem Frühjahr hat, „und dann gab es auch noch Probleme mit meinem Antikörper-Nachweis“. Das ganze Hin und Her nerve sie. Katrin Goldberg-Tekimarslan sagt: „Das ist doch so kein Leben mehr.“ Um vollen Impfstatus zu erhalten, nehme sie die Warterei gern in Kauf.

Corona in Kassel: Viele holen sich ihre Booster-Impfung ab

Für Hans Joachim Depta und seine Frau Marlis ist das leichter gesagt als getan. Das Ehepaar aus Kassel hat ebenfalls noch einen langen Weg vor sich. „Ich kann nicht so lange stehen“, sagt die 82-Jährige, die wie ihr Gatte die Grundimmunisierung auffrischen lassen möchte. Der Ehemann ist 84 Jahre alt. Es müsste mehr Anlaufstellen geben, sagen die beiden: „Sie sehen doch, dass es nicht ausreicht.“ Und vielleicht sei es sinnvoll, junge und alte Menschen getrennt zu impfen. Hans Joachim Depta macht seiner Frau einen Vorschlag: „Du setzt dich dahinten in ein Café, und ich rufe dich, wenn ich vorn bin.“

Ulrike und Michael Lauterbach aus Kassel stehen am Anfang der Warteschlange am Impfzentrum in Calden, um ihre Booster-Impfung zu bekommen.

In der Schlange herrscht nicht die beste Stimmung. Bester Laune ist aber eine Frau, die gerade die Impfstelle verlässt. Sie sei extra aus Fritzlar angefahren, um sich boostern zu lassen. Ihre Impfung sei reibungslos verlaufen, keine unnötigen Wartezeiten, nach 30 Minuten habe sie es geschafft. Mit Blick auf die Schlange sagt sie: „Das kann doch auch nicht Sinn der Sache sein.“

Allein bis 16 Uhr lassen sich im City-Point und in der neuen Stelle 429 Menschen impfen. Nach Angaben der Stadt handelt es sich dabei um 205 Booster-, 165 Erst- und 59 Zweitimpfungen.

Kreis Kassel: Auch in Calden ist der Andrang groß

Riesenandrang herrscht auch am Caldener Corona-Impfzentrum. Schon die Parkplatzsuche gestaltet sich am Nachmittag schwierig. Autos werden an Feldwegen abgestellt, die Polizei blockiert mit einem Fahrzeug die Einfahrt zum Impfzentrum. Kurz dahinter beginnt die Warteschlange. Mehrere Dutzend Menschen stehen hier. Ulrike und Michael Lauterbach aus Kassel lächeln, wohl auch, weil sie die Ersten im Pulk sind. Laut einem Protex-Mitarbeiter werden sie etwa eine Stunde warten müssen, bis sie hineingelassen werden.

„So viel Zulauf wie heute hatten wir noch nie“, bilanziert Kreissprecher Harald Kühlborn am späten Nachmittag. Rund 900 Impfungen sind es wohl, die an diesem Montag verabreicht werden. „Gegen 13 Uhr, kurz nach der Öffnung des Impfzentrums, standen die Autos bis nach Calden hinein“, sagt der Sprecher. Einige können ins Zentrum, viele andere warten lange, wieder andere fahren wieder. „Wir prüfen, ob wir die Öffnungszeiten erweitern und Termine einführen können“, so Kühlborn. (Robin Lipke Und Moritz Gorny)

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