Die Hölle los: Ansturm auf Lidl-Sonderposten in der Nordstadt

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Kunden benötigen Geduld und Zeit: Es dauert mitunter Stunden, bis man an einer der sechs Kassen die Ware bezahlen kann.

Kassel. Die beiden Mädchen warten in der Sommerhitze darauf, einen Einkaufswagen zu ergattern. „Die sind wie die Geier“, sagt eine Achtjährige über die anderen Kunden, die mit ihr um einen freien Wagen konkurrieren. „Ich glaube, da kaufen 1000 Leute ein“, sagt ihre Freundin.

Tilo Scharf, Geschäftsführer bei Lidl, beschreibt diese Situation als „Ausnahmezustand“. Dieser herrscht jeweils donnerstags zum Monatswechsel, wenn bei Lidl an der Quellhofstraße wieder ein Sonderpostenverkauf beginnt. In dem Markt werden dann drei Tage lang, bis zum Samstag, Restbestände und Saisonartikel verkauft. Die Ware ist 30 und 50 Prozent günstiger als in einer normalen Lidl-Filiale, sagt Scharf. Ein Sack Erde für einen Euro, Hausschuhe für drei Euro, Wein für einen Euro ... Seit fünf Jahren bietet Lidl diesen Sonderpostenverkauf in Kassel an.

Schnäppchen-Mama

Aus ganz Nordhessen kommen die Kunden in den Markt in der Nordstadt, der zwischen 8 und 18 Uhr geöffnet hat. 250 Frauen, Männer und Kinder stehen gestern Morgen vor der Tür und warten darauf, dass Filialleiterin Kornelia Andrich öffnet. Andrich bezeichnet sich selbst als „Schnäppchen-Mama“. Sie kennt ihre Kunden und deren Verhaltensweisen sehr gut. „Der junge Mann steht dort schon über drei Stunden“, sagt sie und zeigt zu dem Durchgang am Warenlager. Dort kommen von Zeit zu Zeit Mitarbeiter mit neuen Paletten heraus. Eine Kollegin schiebt auf einem Wagen XXL-Flaschen mit Weichspüler für einen Euro. Frauen stürmen zu der Ware und packen so viele Flaschen, wie sie tragen können. Auch der junge Mann in Warteposition greift zu.

Bieten preiswerte Ware an: Lidl-Geschäftsführer Tilo Scharf und Filialleiterin Kornelia Andrich.

Noch größer wird der Andrang, als Mitarbeiter Thomas Bemme einen Wagen mit Blusen für drei Euro in den Laden schiebt. „Drängeleien kommen schon mal vor“, berichtet Andrich. „Aber die Situation ist noch nie eskaliert.“

Alle Schichten scheinen hier einzukaufen: Frauen mit Kopftüchern aus der Nordstadt, Familien, die im Kombi aus dem Landkreis anreisen, Männer mit kurzen, bunten Shorts und Ökos mit Bart, die auf ihrem Rad vorfahren und einen Helm tragen. Porsche standen auch schon auf dem vollen Parkplatz, erzählt Scharf.

Wie eine Art Ritual

Karin Thormann aus Kassel macht seit fünf Jahren bei der Schnäppchenjagd mit. Was jeweils angeboten wird, weiß sie vorher nicht. Diesmal hat sie günstige Auflagen und Badeschuhe im Wagen. „Meine Schwiegermutter sagt immer, dieser Einkauf ist wie ein Ritual. Da muss man einfach durch.“

Billiger Einkauf

Die Luft ist stickig, Geschäftsführer Scharf erklärt, dass demnächst eine Klimaanlage eingebaut wird. Ein 62-jähriger Mann, der an einer der sechs Kassen ansteht, wedelt sich Luft zu. „Meinen Namen kann ich nicht nennen“, sagt der Kunde lachend. „Das kann ich mir als Milliardär nicht erlauben“, scherzt er. Er hat mehrere Flaschen Sojasoße im Wagen, eine koste nur 40 Cent. Er koche gern asiatisch.

Manche Kunden mit vollem Wagen müssen an der Kasse nur um die 20 Euro zahlen. Da nehmen sie es auch mal gern in Kauf, länger in der Schlange warten zu müssen. Filialleiterin Andrich liebt ehrliche Worte. „Manchmal müssen sie bis zu drei Stunden anstehen.“ Das läge aber auch an der Mentalität vieler Kunden. Die würden auch noch an der Kasse handeln, um den Preis weiter zu drücken. (use)

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